Tag 9: Balotelli vs Rooney

Ich habe am Samstag viel an Uli Hoeneß gedacht. Da am Sonntag keine Zeitungsausgabe erscheint, hatte ich gehofft, vielleicht endlich mal ein paar WM-Spiele mit WM-Stimmung zu schauen, da ich ja immerhin in Brasilien und somit recht nah dabei bin. Daraus wurde allerdings nichts, ich hockte bis zum Spiel Italien gegen England in meinem kleinen fensterlosen Hotelzimmer und schrieb. Als ich nach einigen Stunden noch immer kein Tageslicht gesehen hatte, stellte ich mir vor, wie Hoeneß in seiner Zelle sitzt – zumal mir eine Frau das Mittagessen durch eine in die Tür eingebaute Durchreiche brachte.

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Zumindest liefen auf meinem winzigen Fernseher, dem immer mal wieder die Farbe ausgeht, nebenbei die WM-Spiele. Ich verstand Lukas Podolskis Aussage, der – als  immerhin aktiver Teilnehmer der WM – sagte, er sei froh, dass die WM losgehe, weil dann immer die Spiele im Fernsehen laufen. Auch da musste ich an Hoeneß denken, dem wohl jeden Tag das bescheuerte “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” um die Ohren fliegt.

Etwa eine halbe Stunde vor dem Anpfiff in Manaus wurde ich doch noch mit der Arbeit fertig. Ich suchte mir eine Bar mit möglichst vielen Engländern, um ein bisschen WM-Feeling aufzusaugen. Nachdem ich einigermaßen erschüttert feststellen musste, dass das Spiel nicht auf der ausgeschalteten Videoleinwand des Fifa-Fan-Festes übertragen wurde, hatte ich das Glück, eine mit Engländern überfüllte Bar zu finden, in der sogar ein paar Italiener waren. Die Anfeuerungsrufe beschallten die Bar und mindestens zwei anliegenden Straßen.

Rooney gegen Balotelli wurden zum Gegenstand eines Gesangswettbewerbs, und ich fragte mich, wer wohl der Stärkere der beiden sei. Also nicht fußballerisch. Ein Italiener im blauen Unterhemd und mit über der Hose getragener grüner Boxershorts beendete meine Überlegungen. Er provozierte die Engländer unentwegt und hatte Glück, dass der harte Kern der Engländer nicht vom FC Millwall oder von anderen eher humorlosen Fan-Gruppierungen entsandt wurde. Sonst hätte er nach Balotellis Tor zum 2:1 und seinen “We have four Cups – you have One”-Gesängen wohl nicht Super-Mario-mäßig weiterhüpfen dürfen. Die englische Meute beließ es aber bei verachtenden blicken und verzichtete darauf, ihn Bowser-mäßig anzugehen.

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Bowser ist, für alle deutlich Älteren und Jüngeren, der miese Erzfeind Super Marios und sieht ein bisschen aus wie eine böse Version des WM-Maskottchens. Wobei man sich ein Maskottchen als Veranstalter eigentlich sparen kann, wenn man auf dem Fanfest noch nicht einmal Italien gegen England zeigt.

Ich wurde aber angemessen entschädigt: Auf dem Rückweg konnte ich das Spiel Japan gegen die Elfenbeinküste schauen. Im Taxi.

 

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