Tag 8: Counter Strike!

Mein erstes WM-Spiel war atemberaubend. Nach dem Abpfiff habe ich Kollegen mit völlig nass geschwitzten T-Shirts auf der Pressetribüne gesehen, ein offensichtlich spanischer Kollege hatte Tränen in den Augen. Es war die Nacht, in der der Weltmeister weinte. Und 5000 Holländer Salvador in leuchtendes Orange tauchten. Am Morgen des Spiels hatte ich noch mit zwei in meinem Hotel wohnenden Holländern gefrühstückt. Schon da mit orangenen Hüten, Brillen und Trikots ausgestattet. Holländer sind sensationell, sie sind die Verkleidungskünstler jeder WM. Sie sind aber auch ziemlich betrunken, zumindest galt das für das Duo an meinem Frühstückstisch. Ich fühlte mich an Karneval erinnert. Köln war plötzlich ganz nah, als die beiden am Frühstückstisch in ihren Neon-Verkleidungen völlig verkatert Kaffee und Saft in sich hinein schütteten, und ihre Mannschaft zum Favoriten gegen den Weltmeister erklärten.

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Während des Spiels musste ich an sie denken. Erst, als ich mitbekam, dass 25 niederländische Fans in Salvador beim Public Viewing eingekreist und überfallen wurden. Ungefähr dort, wo ich mich gestern hinverlaufen hatte. Mein Gefühl hatte mich also nicht getäuscht. Dann aber im Stadion, wie glücklich mussten sie gewesen sein – wenn sie sich nicht bewusstlos getrunken hatten – als Arjen Robben und Robin van Persie Spaniens stolze Innenverteidiger wieder und wieder umkurvten.

Van Persie konnte nach dem Spiel auch nicht so recht fassen, was da gerade geschehen war. Nach der Pressekonferenz wurde er als Spieler des Spiels ausgezeichnet. Wobei ich Robben noch stärker fand. Robben ist in der Form, das größte Spektakel dieser WM zu werden. Dafür muss man Robben einfach respektieren. Sein Wandel ist außergewöhnlich, sein Tempo sowieso. Auf den Spielekonsolen gibt es immer eine Taste, die den ballführenden schneller macht. Man sollte diese Taste ihm zu Ehren R-Taste nennen “R Robben” ist aber wahrscheinlich noch schneller. Sein genialer Partner van Persie saß nun also vor mir und versuchte sich an einer Analyse. Doch selbst der Superstar von Manchester United hatte noch nicht ansatzweise verarbeitet, was gerade geschehen war. Und sagte so einen sensationellen Satz: “Wir hätten am Ende ja auch 5:1 gewinnen können. Ach nee, das haben wie ja. Dann hätten wir auch 8:1 gewinnen können.” Absoluter Rauschzustand, er vergaß sogar beim Abschied seine Trophäe, aber dieser Sieg gegen das große Trauma Spanien war für die Holländer ohnehin nicht mit Pokalen aufzuwerten.

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Van Persie ist der Lieblingsspielers van Gaals. Er machte ihn zum Kapitän und wird ihn nach der WM bei Manchester United trainieren. Ich glaube auch in Manchester wurde gestern sehr gefeiert, denn van Gaal stieg durch seinen Systemwechsel vom “Voetbal total” zu “Counter Strike” in den Trainer-Olymp auf. Er hat Spanien dekodiert und vielleicht sogar eine Ära beendet. Meine Frühstücks-Nachbarn mochten van Gaal morgens schon, vor allem wegen einer Anekdote: So soll er sich als Trainer des FC Bayern bei einer Mannschaftssitzung wutentbrannt die Hose und Unterhose ausgezogen haben und gebrüllt haben: Seht ihr, ich bin genau wie ihr! Das ist er jetzt nicht mehr, er ist Louis van Salvador. Und weiß das: “Ich bin ein Fachmann”,  sagte er nach dem Spiel und erklärte, er habe sich in der WM-Vorbereitung nur mit Spanien beschäftigt. Aus gutem Grund, der Sieg ist viel wert: Mit Chile wartet ein weiteres Top-Team in der Gruppe A, dem Gruppenzweiten droht zudem das Achtelfinalduell mit Brasilien.

Das Gastgeberland kommt auch während der WM allerdings nicht zur Ruhe, was ich in meiner denkwürdigen Heimfahrt mitbekam. Da vor dem Stadion kein Taxi zu bekommen war, musste ich  ein ordentliches Stück zu Fuß gehen. Ein unangenehmer Trip. Erst hatte ich Sorge um meine technische Ausrüstung, weil ein Platzregen alles in Sekundenschnelle unter Wasser setzte. Dann hatte ich noch viel größere Sorge um meine Ausrüstung, da der Weg an einer Favela vorbeiführte, und die Polizei schon abgerückt war. Ich schaffte es aber zu einer großen Straße in besagtes Taxi  - doch die Sorgen hörten nicht wirklich auf. Der junge Fahrer war intensiv mit einem what’s-App-Chat beschäftigt und hatte zudem einen riesigen Monitor in der Mittelkonsole montiert, auf dem die Nachrichten liefen: Bilder von Protesten und Schießereien in der Region. Ich konnte mich nicht wirklich darauf konzentrieren, da der Multitasking-Driver nach 100 (!!!) Metern fast eine Kollision verursachte und kurze Zeit später nur durch ein,beherztes Ausweichmanöver auf der nassen Straße nicht in ein anderes Taxi fuhr.

Ich gehe jetzt mal nachschauen, ob die beiden Holländer diesen wilden Tag in dieser wilden Stadt überlebt haben. Zumal sie ja für sich selbst die größte Gefahr waren, wie das eben so ist mit den Jecken.

 

 

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