Tag 7: Erster Tag der WM

Ich werde den ersten Tag der WM 2014 nie vergessen. Nicht bloß wegen des spektakulären Eröffnungsspiels – von ich nicht alles sehen konnte – und dem fliegendem Fred.  Doch dazu später mehr. Der Tag im Zeichen des Duells Brasilien gegen Kroatien begann für mich schon einigermaßen unglücklich: Ich verließ Santo André und die deutsche Nationalmannschaft um nach Salvador zu fliegen, wo am Freitag Spanien gegen die Niederlande antritt und am Montag Deutschland Portugal erwartet. Mit dem Auto fuhr ich zur Fähre, wo die Fahrt erst einmal endete: Ich hatte einen völlig platten und einen mäßig aufgepumpten Vorderreifen. Es war klar, dass ich den Mietwagen nicht 45 Minuten auf der Felge fahren konnte, was mich ein wenig unter Druck setzte, da ich ja den Flieger bekommen musste. Ich fühlte mich an einen Spruch erinnert, der früher im Arbeitszimmer meiner Mutter auf einer Postkarte stand: “Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer.” So erging es mir. Das Problem mit dem Reifen geriet in den Hintergrund, da die Fähre aus ungeklärten Gründen nicht losfuhr. Ich stand also mit platten Reifen auf einer Fähre, die sich nicht bewegte und hatte noch eine Stunde Zeit, um den Flughafen zu erreichen.
Wie so oft wendete sich irgendwann irgendwie alles zum Guten: Die Fähre legte ab, an einer Tankstelle wurde mein Reifen aufgepumpt und ich erreichte mein Hotel in Salvador. Eine merkwürdige Stadt, da Salvador zugleich schön und bedrohlich wirkt. Zugegebenermaßen nicht ganz überraschend für eine geschichtsträchtige  Küstenstadt mit einer Mordrate, die mehr als doppelt so hoch ist wie im Rest des Landes. Ich war auf meinen Reisen in Städten wie Buenos Aires, Rio de Janeiro, La Paz, Montevideo und Caracas. Alle gelten nicht unbedingt als klassisch ungefährlich, doch niemals wurde ich so oft gewarnt und darauf hingewiesen, auf meine Sachen aufzupassen und mich nicht zu verlaufen.

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Ich nahm die Tipps dankend an, verließ das Hotel und verlief mich. Statt zum offiziellen Fifa-Fanfest fuhr ich zum Stadtteil-Fanfest. Ich wunderte mich schon, als ein Straßenverkäufer mich fragend anschaute, ob ich wirklich dorthin gehen wolle. Als ich merkte, dass ich so ziemlich der einzige Nicht-Brasilianer war und immer mehr Polizisten sah, die kleinere Streitereien und Diebstahl-Versuche mit ziemlicher Härte unterbanden, fiel auch noch das 1:0 für Kroatien. Die Stimmung hatte den letzten feierlichen Touch verloren. Ich drängte mich durch die Menge, nahm ein Taxi und fuhr zum richtigen Fanfest. Es passte zum morgendlichen Fähr-Erlebnis, dass meine Fahrt wegen einer Demo unterbrochen wurde. So hörte ich weite Teile der ersten Hälfte im Radio eines brasilianischen Taxis, das zwischen Demonstranten und Polizisten auf einer ziemlich dunklen Straße wartete. Wieder wendete sich aber alles zum Guten: Auf dem offiziellen Fanfest schaute ich die zweite Hälfte mit Tausenden Menschen auf einer Großleinwand.  Obwohl ich es eigentlich nicht mag, wichtige Spiele beim Public Viewing zu schauen war es recht stimmungsvoll, wobei die Bgeisterung deutlich gedämpfter war, als in Deutschland 2006. Das änderte sich, nachdem der zum brasilianischen Idol aufgestiegene japanische Schiedsrichter das Spiel abgepfiffen hatte: Samba-Gruppen zogen über die Promenade, ein Karnevalswagen beschallte die Fanmeile und die Besucher tanzten in die regnerische Nacht.

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Als ich im Hotel ankam war ich froh, den Auftakt-Tag unbeschadet überstanden zu haben. Ich traf in der Eingangshalle Fans aus Spanien und Holland, die ziemlich gut drauf waren und sich auf das erste Spiel in Salvador freuen. Und dass, obwohl viele seit dem Auftaktspiel kein Smartphone mehr haben.

 

 

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