Tag 34: Nicht-Flug-Angst

T minus 1 bis zum Finale begann mit einer fantastischen Nachricht: Die Fifa bestätigte mir meine Akkreditierung für das Endspiel. Beseelt packte ich früh morgens meinen Koffer, um mich wenig später mit meinem ebenso fantastischen Kollegen Gegor Derichs auf den Weg zum Flughafen zu machen. Ein letztes Mal fuhren wir mit der Fähre, ein letztes Mal passierten wir die knapp 30 als Stoßstangenbrecher gefürchteten Bremshügel auf dem Weg nach Porto Seguro.

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Neben einem minimalen Anflug von Melancholie und der riesigen Vorfreude auf das Maracana empfand ich auch ein wenig Sehnsucht nach der Heimat. Ich freue mich sehr auf meine Familie, Freunde und Banalitäten des Alltags: Frisches Brot zum Beispiel, meine Couch. Oder auch darauf, einfach mal entspannt einen Film zu schauen. Aber – das ist ein ebenso simpler wie mich prägender Leitspruch – „there is a time for everything“. Also auch für die Rückkehr zu Gewohnheiten, zunächst steht aber der Wahnsinn des Weltfußballs an.

Wir kamen mit unserem zerbeulten Leihwagen recht früh in Porto Seguro an und entschieden uns, noch einen Kaffee zu trinken. Ich kaufte mir zudem noch ein zu meinem Sakko passendes T-Shirt für das große Finale, meine Kleidung ist durch die stetige Rumreiserei ganz schön in Mitleidenschaft gezogen worden und vor allem recht zerknittert.

Auf den vom Zentrum zum Flughafen verbleibenden Kilometern plauderten wir über den zurückgelegten Weg bei dieser WM. Gregor rechnete eine Distanz von 16 000 Kilometern aus – nur innerhalb Brasiliens. Da ich dazu neige, ab und an mal Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen oder auch ganz gern mal eher Risiko behaftete Zeitpläne aufstelle, offenbarte ich Gregor meinen Stolz und meine Erleichterung darüber, all die schreib-fernen Anforderungen meiner ersten WM, trotz der teilweise schwierigen Umstände, erfüllt zu haben: Ich hatte keinen meiner mittlerweile 22 (!!!) Flieger verpasst, keine Anmeldefristen versäumt, keine Wertgegenstände verloren und selbst die Fifa-Akkreditierung baumelt noch immer um meinen Hals.

Als wir fünf Minuten später den Check-In-Schalter erreichten, bekam ich die Quittung für meine Selbstzufriedenheit – und akutes Herzrasen. Wir standen nicht auf der Passagierliste des Fliegers. Rio, das Maracana und das WM-Finale waren plötzlich ganz weit weg. Ich zitterte, als ich mich auf Spanisch mit der portugiesisch sprechenden Frau am Schalter verständigte. Ein paar hektische Anrufe später war klar: Das Reisebüro, über das Journalisten viele Inlandsflüge bevorzugt buchen, hatte unsere Buchung nicht bestätigt.

Bange Minuten. Weiche Knie. Unendliche Leere. Und vor allem der große Ärger, dass ich noch nicht einmal Schuld an dieser Situation war. Ich sah mich schon auf einem Roadtrip nach Rio im noch zurückzugebenden Leihwagen, als ich die Dame flehentlich bat, doch bitte nachzuschauen, ob nicht noch Platz sei im Flieger nach Belo Horizonte und im Anschlussflug nach Rio de Janeiro. Meine Hoffnungen waren begrenzt, schließlich wusste ich, dass ungefähr halb Südamerika einen Tag vor dem Finale nach Rio flog.

Nach 35 (und wieder: !!!) Minuten, in denen die Frau hektische Telefonate führte und mehrfach entgeistert auf ihren PC schaute, lächelte sie mich plötzlich an: Es gab zwei freie Plätze für beide Flieger, Abflug in 20 Minuten, zu einem günstigeren Preis, als zuvor erfolglos gebucht.

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