Tag 31: Belo Solbakken

Die Nacht, in der Brasilien weinte, ließ sogar Legenden paralysiert zurück.  „So etwas habe ich noch nie gesehen, so etwas hat es nicht gegeben“, sagte Hartmut Scherzer. Er muss es wissen, er hat seit 1958 von jeder Fußball-Weltmeisterschaft berichtete, hat also mehr WM-Spiele gesehen, als jeder andere Deutsche und sein erstes, 25 Jahre vor meiner Geburt. Kein schlechter Zeitzeuge also.

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In der Mixed Zone erzählte Mats Hummels später, er habe  zwischendurch befürchtet, in einem schönen Traum zu sein. Ich hatte eher das Gefühl, von einer Zeitmaschine in die Ära Solbakken meets 1. FC Köln geschickt worden zu sein. Systemausfälle wie den der Brasilianer hatte ich in dieser Zeit fast wöchentlich erlebt, allerdings fand der ewig scherzende Norweger das Ganze lustiger als die Brasilianer um mich herum und vor allem Nationaltrainer Scolari, der vom schlimmsten und peinlichsten Moment seiner Karriere sprach.

Er hatte Recht damit. Vor allem das völlig überzogene Neymar-Gejammer war völlig daneben. In ganz Brasilien ging es nach dem Viertelfinale nur um den Superstar, Fernsehen und Zeitungen berichteten in der Endlos-Schleife: Neymar winkt aus dem Heli, Neymar grüßt per verheulter Video-Botschaft, Neymar isst einen Apfel.

Als die Spieler der Selecao dann auch noch mit Neymar-Grußkappen das Stadion betraten und während der eindrucksvoll gesungenen Nationalhymne ein Trikot mit der Nummer 10 hochhielten,  war schnell klar: Wer ewig zurückblickt, kommt nicht nach vorn.

Dass Deutschland nach 29 Minuten 5:0 führte war natürlich dennoch nicht abzusehen, aber für mich persönlich ganz okay. Ich merkte trotz der Irrealität und der Sollbakken-Sorge schon recht früh, dass ich hier gerade Historisches erlebte. Allerdings hielten sich meine Bekannten in Deutschland erst einmal mit Glückwünschen zurück, tiefe Sorge dominierte den Nachrichtenfluss: Mails wie „Pass gut auf dich auf“, „Mach, dass du da Heil rauskommst“ und „Ich hoffe, du überstehst das Alles unverletzt“ erreichten mich. Tatsächlich gab es einige Momente, in denen das Stadion zu brodeln begann. Man konnte sich ja auch nicht vorstellen, was nach dem Abpfiff im Stadion und drum herum passieren  würde, weil es so etwas noch nie gegeben hatte. Außer beim Solbakken-FC vielleicht, aber diese Zeit stand fantechnisch nicht unbedingt für den Weltfrieden.

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In Belo Horizonte blieb aber alles ruhig, die Brasilianer zogen sich traumatisiert in Häuser und Bars zurück. Nur in Sao Paulo brannten acht Reisebusse aus. Ich war ehrlich gesagt dennoch recht froh, dass das Spiel im friedlichen Belo Horizonte stattgefunden hatte und nicht in Salvador, Rio de Janeiro oder eben Sao Paulo.

Dass es nun aber zurück nach Rio geht, ins Maracana, zum WM-Finale, ist fantastisch und noch immer kaum zu realisieren. Noch weniger, als das 7:1 von Belo Horizonte.

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