Tag 30: Die nächste Ebene

Mit der Ankunft in Belo Horizonte erreichte meine erste WM eine neue Ebene. Ich realisierte langsam, dass ich zum am nächsten Tag das Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien im Stadion erleben, und damit eine der beiden Mannschaften im Endspiel von Maracana wiedersehen werde. In Belo Horizonte, einer einigermaßen europäisch wirkenden und wunderbar hügeligen Stadt, dreht sich alles um das Halbfinale. Aufgrund des Massenandrangs wurden am Dienstag die meisten Bürger in den Zwangsurlaub geschickt: Der Berufsverkehr hätte im Zusammenspiel für einen kompletten Stillstand im Zentrum gesorgt. Es gibt keine Zeitung, deren Titelseite nicht mit Brasiliens neuer Hoffnung David Luiz bedruckt ist, das vorgezogene Finale hält die Stadt in Atem.

Ich benötigte einige Stunden, um von Flughafen in mein Hotel zu kommen. Das war nicht weiter schlimm, da ich aus dem Autofenster interessante Einblicke in die Stadt bekam, die von den Küsten-Brasilianern aufgrund der Strand- und Meerlosigkeit etwas belächelt wird. In Belo Horizonte, dem schönen Horizont – kümmert das die Leute nicht, sie beziehen ihr Selbstvertrauen aus einem, sich selbst verliehenen Titel: Brasiliens Hauptstadt der Bars.

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Es bleibt abzuwarten, ob die Kneipen nach dem Spiel von den Brasilianern zum Frusttrinken oder für Jubelfeiern genutzt werden. Ich kann mir jedenfalls noch nicht vorstellen, wie im Gastgeberland auf ein Ausscheiden reagiert werden würde. Der Zusammenhalt ist nach Neymars Verletzung enorm, selbst WM-kritische Bekannte von mir haben sich mittlerweile vollständig auf die WM eingelassen und zittern vor dem Spiel gegen Deutschland.

Das DFB-Team gilt dabei aber keinesfalls als Feind, ich glaube sogar, dass viele Brasilianer im Falle einer Niederlage dennoch der deutschen Mannschaft den Titel wünschen würden. Allein Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger haben durch ihre Trikot-Posts und Sympathiebekundungen für Brasilien auf ihren Facebook-Seiten eine unglaubliche Beliebtheit im Gastgeberland erobert – auch wenn hier niemand die Namen der beiden auch nur ansatzweise aussprechen könnte.

Zudem plagt viele Brasilianer glaube ich ein schlechtes Gewissen nach all der Häme, mit der sie deutsche Mannschaften früher aufgrund der Holzfüßigkeit und dem Hang zum Foulspiel bedacht haben. Mittlerweile, angesichts des Schönspielermangels, hat man sich hier mit dem Ultimate-Fighting-Fußball ganz gut arrangiert und blickt ein wenig neidisch auf die deutschen Ästheten.
Mein Taxifahrer meinte sogar zu mir, er würde sich schämen, Deutschland mit diesem Fußball aus dem Turnier zu werfen.

Ich bin mir aber recht sicher, dass er seine Meinung nach dem Finaleinzug doch noch einmal überdenken würde.

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