Tag 3: Angst ist ein verhängnisvoller Begleiter

Ich bin immer traurig, wenn ich Rio de Janeiro verlassen muss. Vor einem Jahr endete meine dreimonatige Rundreise durch Südamerika am Zuckerhut. Es war der Abschluss perfekte Abschluss einer fantastischen Zeit, den ich mit einer Gruppe Argentiniern und Argentinierinnen so ausgiebig feierte, dass ich beinahe meinen Rückflug verpasst hätte.
Am Samstag musste ich Rio wieder verlassen, doch in die Wehmut mischte sich die Vorfreude auf die voraussichtliche Wiederkehr: WM-Finale im Maracana.
Außerdem hatte ich kaum Zeit für melancholische Gedanken, da meine Reiseroute meine volle Konzentration beanspruchte: Ich musste früh morgens mit dem Taxi zum Flughafen, um nach Sao Paulo zu fliegen, von wo ich nach Porto Seguro weiterfliegen musste, um mir dort einen Leihwagen, mit dem ich zur Fähre fahren musste, die mich in mein Hotel dem Deutschen Camp in Santo André bringen sollte. Doch zunächst der Flug nach Sao Paulo. Ich bin in meinem Leben mehrmals in dieser wahnsinnig großen Metropole umgestiegen. Und war jedes Mal aufs Neue beeindruckt. Sao Paulo ist die größte Ansammlung von Beton, die ich jemals gesehen habe. Landet man in Köln/Bonn, fliegt man 17 Sekunden über Porz, bevor der Flieger den Boden berührt. In Sao Paulo fliegt man mindestens 17 Minuten über die Stadt, die mit den Bezirken im Umland auf 30 Millionen Einwohner kommt. Das sind immerhin fast so viele Menschen, wie insgesamt im riesigen Argentinien leben.

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Vier Stunden nach dem wieder einmal überwältigendem Landeanflug auf die Betonwüste Sao Paulo landete ich im Nichts von Porto Seguro. Statt Häusern gibt es dort nur Bäume. Viele Bäume. Und keine andere Flugzeuge auf der Landebahn. Nur ein paar Hubschrauber und eine winzige Empfangshalle. Ich schaute dennoch gespannt aus dem kleinen Fenster. Obwohl ich wahrlich kein Naturfreak bin finde ich solch außergewöhnliche Landschaften manchmal interessanter als einen Kinofilm. Da ich meine volle Konzentration dem Urwald unter mir gewidmet hatte, entging mir, dass neben mir eine brasilianische Frau beim harten Aufprall fast an einem Herzinfarkt gestorben wäre. Klarer Fall von Flugangst – die ich zum Glück nicht habe, ebenso wie Sorge vor großen, weiten Reisen. Angst ist ein schlechter Ratgeber und ein noch verhängnisvoller Begleiter. Es gab nur zwei Ausnahmen: Im vergangenen Sommer, als ich in die venezolanische Hauptstadt Caracas geflogen bin und meine letzte Unterhaltung vor dem Abflug in die Stadt mit einer der höchsten Mordraten der Welt damit endete, dass mir eine Lufthansa-Mitarbeiterin sagte: Guten Flug und passen Sie bitte auf sich auf. Wir bekommen immer wieder erzählt, dass Touristen entführt, betäubt, einzelner Organe beraubt und dann an den Strand gelegt werden. Schön, danke für die warmen Worte. Zumal mein Reiseplan ohnehin schon jegliche Warnungen des auswärtigen Amtes pulverisiert hatte: Nicht im Dunkeln vom Flughafen ins Zentrum fahren. Nicht allein reisen. Kein Bargeld mit sich führen. Achtung bei Inlandsflügen, im vergangene Jahr sind sechs Flugzeuge abgestürzt. Gute Tipps, wenn man nicht gerade nach dem Sonnenuntergang landet und seine geplanten vier Inlandsflüge bar am Flughafen bezahlen muss.


Naja, ich hatte eine wahnsinnige Zeit in Venezuela, einem der schönsten Länder der Welt. Das gilt auch für Bolivien, wo ich ein halbes Jahr zuvor meinen ersten ernsthaft besorgten Reise-Moment erlebt hatte, nachdem ich mich während meiner Drei-Monatstour am Vorabend spontan entschieden hatte, von La Paz einen Drei-Tages-Trip in den Jungle des Amazonas zu unternehmen: Alligatoren, rosa Delfine, Piranhas. Alles nicht schlimm, das Problem stand plötzlich auf dem Rollfeld vor mir: Ein Mini-Flugzeug für 13 Personen, das sich von der mehr als 3000 Meter hochgelegenen Hauptstadt La Paz über die Anden mühte. Das hätte auch noch ohne größere Sorgen funktioniert, wenn ich nicht den Piloten dabei hätte beobachten können, wie er bis kurz vor der Landung auf einer kleinen Lichtung mitten im Urwald auf seinem Ipad herumspielte.
Durch Erfahrungen wie diese machen mir Trips wie der am Samstag durch Brasilien nicht viel aus. Es macht mich auch nicht nervös, zweieinhalb Stunden auf einen Vorbestellten Leihwagen zu warten und somit im Dunkeln ohne Navigationsgerät eine winzige, rund 30 Minuten entfernte Fähre zu finden. Rückblickend war es ein großer Spaß, ich bin gesund und munter im wunderschönen Wildnis-Camp des DFB angekommen und habe meine erste selbst gesteuerte Autofahrt in Südamerika wirklich sehr genossen. Vielleicht auch, weil mir ein mit Krücken, Narben und einem beachtlichen Gipsbein ausgestattete Mitarbeiter der Autovermietung Mut zugesprochen hatte: Er habe nur zwei Unfälle in Brasilien gebaut. Das Auto habe sich zwar jedes Mal fürchterlich überschlagen, das sei aber nur passiert, weil er beide Male sturzbetrunken war, was in Brasilien gar nicht so ungewöhnlich sei.
Gute Fahrt.

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