Tag 28: Halbfinale!

Ich kann die Spiele der deutschen Mannschaft bei der WM erst genießen, wenn ich ungefähr zwei Stunden nach dem Abpfiff den letzten Artikel in die Redaktion geschickt habe, zuvor habe ich aufgrund der Andruckzeiten und des damit verbundenen Drucks einen ähnlichen Puls wie die Trainer. Also genieße ich die Spiele eigentlich überhaupt nicht – aber ich bin ja nun einmal auch zum Arbeiten hier.

Am Freitag konnte ich immerhin Teile des zweiten Spiels des Tages genießen. Mit zwei Kollegen hatte ich ein Taxi vom Stadion zur Fan-Meile an der Copacabana genommen. Der Fahrer verfuhr sich leider kurz, darum schafften wir es erst zur Halbzeitpause ins direkt am Fanfest gelegene Hotel der Kollegen. Der Ausblick aus dem 17. Stock war fantastisch, es sah mehr nach Woodstock als nach Weltmeisterschaft aus, Tausende Menschen hatten sich vor einer am Strand aufgebauten Großleinwand versammelt.

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Wir überlegten sogar kurz, uns das Spektakel von oben anzuschauen, entschieden uns dann aber doch für den Nahkampf. Für mich war es bisschen komplizierter als für meine Begleiter, da ich 90 Minuten nach dem erhofften regulären Spielende meinen Flieger nach Porto Seguro erwischen musste und all meine Sachen dabei hatte. Zumindest konnte ich meinen Koffer an der Rezeption abgeben. Doch das zeitliche und Wertsachen-bezogene Risiko sollte sich lohnen, es war eine unglaubliche Erfahrung, das brasilianische Viertelfinale in Rio am Strand zu schauen.

Auch wenn ich noch immer der Meinung bin, dass Brasilien in Sachen Emotionalität und Gesangsvielfalt Lichtjahre hinter Argentinien anzusiedeln ist. Die südlichen Rivalen verwandeln jedes Spiel in ein Konzert. Aber naja, auch so war es stimmungsvoll. Im Vergleich zum Gemetzel auf dem Rasen auch friedlich. Nach 80 Minuten lief ich aber ins Hotel, holte meinen Koffer und lief weiter bis zur nächsten Parallelstraße, um ein Taxi zu nehmen. Ich hatte Glück  und erwischte eins.

Schussphase auf einem Mini-Monitor

Im Auto – wo ich die Schlussphase auf einem Mini-Monitor sah, realisierte ich, welch großes Glück ich gehabt hatte: Menschenmassen strömten durch die Straßen, vereint in der Idee, die Copacabana per Taxi ins Zentrum zu verlassen, bevor der Ansturm Zehnzausender Feier-Fans den Verkehr lahmlegen würde. Ich schaute durch den Rückspiegel und fühlte mich ein wenig an unzählige Katarstrophenfilme erinnert, in denen die Hauptdarsteller grundsätzlich mit dem letzten Auto dem Fiasko entkommen.

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Ich erreichte den Flughafen pünktlich und hatte während des Fluges und hatte ein wenig zeit, über das Erlebte nachzudenken. Trotz des Stresses und der Schlaflosigkeit muss ich nach wie vor betonen, dass die WM in Brasilien eine eindrucksvolle Zeit für mich, die ich wohl erst in ein paar Monaten verarbeiten werde.  Dann werden mir auch solche Aktionen durch den Kopf gehen, wie auf dem Heimweg vom Flughafen zur Fähre: Ich fuhr 35 Minuten durch das absolute Nichts. Mal mit Straßenbeleuchtung, mal ohne, immer mit der festen Hoffnung, dass die Reifen ihre Luft behalten.

Obwohl ich die Strecke ganz gut kenne und mich tagsüber sehr sicher fühle, schienen mir die verlassenen Straßen zwischen kleineren Dörfern eher als schlechte Orte für eine Panne. Dass ich in der Dunkelheit einen Bremshügel übersehen und einigermaßen spektakulär abgehoben hatte, beruhigte mich nicht wirklich.

Als ich an der Fähre ankam, war ich trotzdem nicht unbedingt erleichtert:  Das nächste Boot fuhr erst in 90 Minuten. Ich stand allein mit all meinem Zeugs in einem kleinen Fischerdorf. Ich vertrieb mir die Zeit und beklemmende Gedanken mit einem Blick in die Zukunft: Sollte ich unbeschadet in meiner Pousada ankommen, werde ich das größte Fußballspiel meines Lebens erleben: Brasilien gegen Deutschland. Bei der WM. In Brasilien. Im Halbfinale. Ich kann es immer noch nicht so recht glauben.

Das ist aber nicht so schlimm, ich habe ja noch etwas Zeit. Genießen werde ich es ja ohnehin erst in Nachhinein.

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