Tag 27: Sorge vor Frankreich, Angst vor Argentinien

Am Dienstagabend saß ich mal wieder im Flieger. Es war der zehnte Inlandsflug seit meiner Ankunft in Brasilien. Wieder einmal stieg ich in Sao Paulo um, die Metropole ist definitiv die Stadt auf der Welt, in der am meisten Zeit verbracht habe, ohne einmal dort gewesen zu sein. Meine früheren Reisen miteinbezogen bin ich mittlerweile bereits zwölf Mal in Sao Paulo umgestiegen – ohne auch nur einmal im Zentrum gewesen zu sein. Bislang hat mich auch kein WM-Spiel nach Sao Paulo geführt. Schade eigentlich, Recife beispielsweise hätte ich gern eingetauscht.

In Rio angekommen, nahm ich mir ein Taxi am internationalen Flughafen. Ich kann nur jedem empfehlen, nicht die Festpreise an den Taxi-Buden zu bezahlen. Für meinen Weg bis zu meinem Hostel in Ipanema habe so ich weniger als den halben Preis bezahlt – Adrenalinkick inklusive. Mit dem Taxifahrer sprach ich über das Viertelfinale – das Brasilien elektrisiert. Freitag, der 4. Juli 2014 könnte einer der größten Tage der Fußballgeschichte werden. Rio wird zum Anstoß des Spiels Brasilien gegen Kolumbien eine Verschnaufpause einlegen. Stillgelegt von der Angst vor dem Aus, die den Brasilianern schon beim ersten Spiel des Tages zusetzen wird. Dort wird sich nach Ansicht vieler – auch meines Taxifahrers – die Titelchance des Gastgebers entscheiden.

Denn Brasilien hat wahnsinnige, historisch bedingte Angst vor Frankreich. So wird Deutschland zwar als viel stärker eingesetzt, dennoch als der einfachere Gegner wahrgenommen, da Frankreich für Brasilien schlichtweg als unschlagbar gilt. Zu viele Niederlagen setzte es bei den vergangenen Turnieren, als das der ohnehin emotional durchdrehenden brasilianischen Mannschaft ein Erfolg zugetraut würde. Frankreich ist Brasiliens Trauma, es ist das Deutschland Portugals. Oder das Deutschland Argentinien. Oder – leider auch das – das Italien Deutschlands. Auch die anderen Viertelfinals lassen die Brasilianer erzittern. Mit bangen Blicken wird der Weg Argentiniens verfolgt. Ein Sieg des ewigen Rivalen im Finale von Maracana würde eine hundertjährige Scham nach sich ziehen, zumal 1950 ja schon Uruguay in Brasilien triumphierte.

Die nächste hellblau-weiße Jubelfeier wäre für viele Brasilianer nicht zu ertragen, schon die Vorstellung sorgt für ein Schaudern. So definierte mein Taxifahrer die WM-Ziele Brasiliens neu: Auf Platz zwei steht der Titel, wichtiger ist aber, dass Argentinien nicht gewinnt. Jeder Spieler, der die argentinische Nationalmannschaft aus dem Turnier schießt, wird in Brasilien zum Nationalhelden für die Ewigkeit aufsteigen. Ein Finale zwischen beiden fußballerischen Supermächten im Maracana wäre der größte Showdown in der Geschichte des südamerikanischen Fußballs.

Hunderttausende, vorlaute und für alles bereite Argentinier würden in Bussen nach Rio pilgern. Schon in der Vorrunde hatte es hier Spannungen zwischen Brasilianern und Argentiniern gegeben. Als ich in Salvador das Spiel Bosnien gegen Argentinien sah, war ich trotz des Wissens um die große Rivalität wirklich überrascht, als die Brasilianer emotionale „Bosnia“-Gesänge anstimmten. Sie wirkten fast emotionaler auf mich als beim vorangegangenen Brasilien-Spiel.

Allerdings sind die Argentinier – die ich aus meiner Zeit in Buenos Aires ja ganz gut kenne und sehr schätze – auch Meister der Provokation. Selbst die Ernennung von Papst Franziskus wurde auf den Fußball übertragen und den Nachbarn hämisch präsentiert. So erschien wenige Tage später ein Lied, das in Argentinien schnell erfolgreich wurde und gerade ein Comeback auf den Fanmeilen feiert – mit freundlichem Gruß im Refrain: „Brasilianer, Brasilianer, wie bitter ist es zu sehen? Der Papst ist Argentinier, und berühmter als Pele“. Da die Rivalität hinter den Neckereien aber wirklich ganz schön aufgeheizt ist und ein Finalduell wohl schwere Ausschreitungen in Rio zur Folge hätte, sollten vielleicht doch lieber Deutschland und Holland ins Endspiel kommen.

Brasilien wäre glücklich, dass Argentiniens Triumpf verhindert wurde. Und im Maracana gäbe es ein von dem Klang orangener und weißer Kuhglocken untermaltes Spektakel. Auch der Sieger würde feststehen, denn bei Weltmeisterschaften sind Holländer für Deutschland ja ähnlich bedrohlich, wie Brasilianer für Franzosen.

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