Tag 26: Planierraupe

Die Rückreise aus Porto Alegre erwies sich wieder einmal als eher kompliziert. Wir kamen nachts am Flughafen in Porto Seguro an und – naja – rasten – zur Fähre, um das Boot um 3.30 Uhr zu bekommen. Wir erreichten den kleinen Anleger um 3.37 Uhr und mussten somit knapp eine Stunde warten, um mit dem Boot nach Santo André zu gelangen. Als ich in meiner Pousada ankam, war ich seit mittlerweile 24 Stunden wach. Ich schlief sofort ein, allerdings dauerte diese Periode etwas kürzer als der vorangegangene Trip.Nach drei Stunden saß ich aufrecht in meinem Bett. Etwas, das vom Lärmpegel mindestens ein Propeller-betriebener Flugmähdrescher sein musste, hatte mich geweckt.

Trotz mehrmaliger verzweifelter Versuche konnte ich nicht mehr einschlafen. Der stetige Wechsel zwischen unfassbarem Krach, Hoffnung auf ein Ende des Lärmterrors schürender Stille und neuerlichem Getöse hatte mich entnervt und besiegt. Ich ging nach unten, öffnete die Tür und sah ein riesiges Ungetüm, das sich als Planierfahrzeug herausstellen sollte und von einem lässigen Typ in Surfershorts und Unterhemd vor unserer Hütte vor- und zurückgefahren wurde.

Irgendjemand war auf die Idee gekommen, die Löcher in der Sandstraße aufzufüllen und den Weg danach mit einem Hochhaus-großen Ungetüm platt zu walzen. Eine honorige und sinnvolle Sache, die mich am frühen Dienstagmorgen allerdings verzweifeln ließ.

Ich machte mich also gleich wieder an die Arbeit. Während ich schrieb und die Lobeshymnen der Nationalspieler auf Manuel Neuer vom Band hörte, wurde mir klar, dass der Torhüter eigentlich ein geeigneter Ersatz für den verletzten Mustafi im neuen deutschen Lattenzaun ist: Er ist groß, bewiesenermaßen Zweikampfstark, vermutlich extrem Kopfballstark und – vielleicht ein weiteres wichtiges Argument – kein gelernter Außenverteidiger.

Als ich meine Arbeit beendet hatte, hielt der Tag eine freudige Überraschung für mich bereit. Ein Kollege hatte mit seinem Vermieter ein Fußballspiel verabredet. Ein paar andere Journalisten und ich trafen uns also am Nachmittag, um gegen ein paar Dorfbewohner anzutreten.Als wir den Platz erreichten, bestaunten wir aber erst einmal das Feld: Zwischen zwei großen Toren ohne Netze befand sich eine Mischung aus Sand und Gestrüpp. In der Mitte des schrägen und auch schräg angelegten Platzes stand ein Baum.

Die Fußballer störte das nicht, sie störte generell überhaupt nichts, es hätte kaum klischeehafter sein können: Der Ball war platt, manche spielten barfuß, andere mit Turnschuhen, weitere mit Fußballschuhen.Ein Brasilianer mit Luis-Gustavo-Schnurrbart rauchte einen Joint. Es war die unwirklichste Anlage, auf der ich jemals gespielt hatte – abgesehen von einem Match im bolivianischen Amazonas, bei dem das Feld zur Hälfte unter Wasser stand und ich – es stimmt wirklich – nach dem Spiel eine Baby-Tarantel aus meinem Gummistiefel goss.

Gefährliche Tiere gab es in Santo André nicht, die Scharen von Vögeln sorgten aber für eine standesgemäße Geräuschkulisse.Wir wurden in verschiedene Teams eingeteilt, die Regeln waren klar: Jedes Spiel ging sieben Minuten oder bis die erste Mannschaft zwei Tore erzielt hatte. Der Gewinner durfte weiterspielen.

Wir spielten nicht oft.

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