Tag 24: Sonne, Strand und Griechenland

Es gibt einen traumhaften Strandabschnitt in Santo André. Da ich am Samstag schon etwas vorgearbeitet hatte und Sonntag somit früh mit meiner Arbeit fertig war, konnte ich den Strand – zwei Wochen nach meiner Ankunft – in Ruhe erkunden. Ich war beeindruckt, direkt hinter dem Sand beginnen wuchernde Wälder, es ist pure Natur, weit weg von gut sortierten Tourismusstränden und Liegestuhl-Kolonien.

Ich genoss die zwei Stunden am Strand wirklich sehr und traute mich trotz meiner Hai-Ängste einige Zeit und vor allem einige Meter ins Wasser. Gut erholt und ein wenig errötet konnte ich dann einer weiteren Aktivität nachgehen, die ich bislang aufgrund Zeitmangels eher vernachlässigt hatte: Fußball gucken.

Zusammen mit Kollegen schaute ich – endlich auch emotionalisiert – das packende Achtelfinale zwischen Mexiko und den Niederlanden. Ich fand es bemerkenswert, wie die Mannschaft von Louis van Gaal das Spiel trotz der Hitze drehte und zolle vor allem Arjen Robben größten Respekt. Ihm eine Schwalbe vorzuwerfen halte ich für völlig unsachlich, da er in der ersten Hälfte schon Grund für eine Körperverletzungsklage gehabt hätte, aber nicht einmal einen Elfmeter bekam. In der Schlussphase suchte er dann zudem den Abschluss, anstatt sich einzufädeln und Strafstoß zu fordern. Ich habe Holland beim 5:1 gegen Spanien live im Stadion gesehen und muss wirklich sagen, das Robben in dieser Form die größte Attraktion des Turniers ist.

Auch die Mexikaner waren völlig überfordert und mittellos gegen seine Antritte und Haken. Hätte Robben für Mexiko gespielt, wäre es wohl ein klarer Sieg für die Mittelamerikaner geworden. Er hebt Holland auf ein anderes Niveau. Aufgrund des großen Spektakels und Robbens phänomenalen Momenten konnte ich es auch verkraften, dass Mexikos Trainer – die größte Attraktion am Spielfeldrand – nicht mehr dabei ist und ich ihm somit nicht auf einer Pressekonferenz begegnen werde.

Im zweiten Spiel des Tages bekam ich dann doch noch mein vorher nur knapp verpasstes Elfmeterschießen geboten. Und zwar ein richtiges, im Vergleich zu dem planlosen Rumgebolze zwischen Chile und Brasilien wirkten die Griechen und Costa Ricaner wie Sniper. Ich fühlte mich an Deutschlands Sieg im Halbfinale der EM 96 gegen England erinnert, dem wohl perfektesten Elfmeterschießen aller Zeiten und dem seltsam jubelnden Andreas Möller. Doch dann kam Theofanis Gekas. Es ist vielleicht das größte Wunder dieses Sports, dass Gekas noch immer solch ein Turnier bestreiten darf. Dass er verschoss war umso tragischer, ich hätte ihm, Karagounis und all den anderen 40-Jährigen ein WM-Viertelfinale gegönnt. Vor allem aber meinem guten Freund und Arbeitskollegen Philip Sagioglou, der – sein Name lässt es erahnen – einen familiären Bezug zum Europameisterland von 2004 hat. Nach all den Millionen Sprüchen, die er wegen der Euro-Krise über sich ergehen lassen musste, hätte Griechenland ihm mit dem Viertelfinal-Einzug wirklich etwas zurückzahlen können und ewige Dankbarkeit dafür bekommen.

Immerhin zeigten die Griechen durch ihre heroenhafte Aufholjagd aber, was die Niederländer zuvor auch schon gezeigt hatten: Die Hitze-Diskussion über angebliche europäische Kräfte-Nachteile aufgrund des Klimas ist überbewertet. Es auf die Temperaturen zu schieben, dass andere Kontinente erfolgreicheren Fußball spielen, ist eine wohl unzulässige Herabwertung der Stärke der Anderen.

Ihr größter Vorteil liegt wahrscheinlich darin, dass sie nicht so schnell einen Sonnenbrand bekommen. Beim Blick in den Spiegel muss ich nach meinem Stranddebüt allerdings sagen: Das ist ein wahnsinnig vorteilhafter Vorteil.

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