Tag 22: Chaos!

Es ist schön, wieder in Santo Andre zu sein. Es war zwar erneut ein kleiner Abenteuertrip nötig, um aus Recife zu meiner Hütte zurückzukehren, im Gegensatz zu der wilden Reise vieler Kollegen war meine Tour aber ein Wellness-Trip.
Ein großer Tross deutscher Sportjournalisten hatte einen Flieger gebucht, der sie noch am Donnerstag nach dem Spiel gegen die USA zurück bringen sollte. Also stiegen sie nach der Partie in einen Shuttlebus, der sie zum etwa 13 Kilometer entfernten Flughafen bringen sollte. Nicht eingeplant war allerdings, dass der Bus aufgrund der überschwemmten Straßen mehr als vier Stunden benötigte. So verpassten sie ihren Flieger und stellten danach recht erschüttert fest, dass es in den nächsten Tagen unmöglich war, einen Flug nach Porto Seguro zu bekommen. Sie hingen in Recife fest. Nichts zu machen.

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Immerhin wurden sie für die Nacht im Hotel der Nationalelf untergebracht, was jedoch ein eher schwacher Trost war. Am Freitag loteten sie dann Möglichkeiten aus, irgendwie aus Recife wegzukommen, und entwickelten einen tollkühnen Plan: Mit einem Kleinbus fuhren sie 850 Kilometer nach Salvador, wo sie einen freien Flieger nach Porto Seguro gefunden hatten.

Es ist jetzt Samstagmorgen, die Gruppe ist noch immer nicht hier eingetroffen. Nach übereinstimmenden Journalistenberichten haben sie die Autofahrt aber überlebt und sogar in zwölf Stunden geschafft. Somit sollten sie nun bald, ungefähr 48 Stunden nach der geplanten Ankunft, wirklich in Santo Andre eintreffen. Eine andere Gruppe hängt aber wohl noch immer in Recife fest, aber da weiß ich nichts Genaueres.

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Ich bin den ganzen Problemen entgangen, da ich für die Vorrundenspiele eine Selbst-Flug-Buch-Taktik gewählt habe. Ausnahmsweise hat sie sich so einmal als kräfteschonender herausgestellt. Normalerweise ist es natürlich angenehmer, vor dem Spiel per Charter-Direktflug anzureisen und nach dem Spiel sofort wieder zurück.
Da die Nationalelf aber schon zwei Tage vor dem Spiel ihr Camp verlässt und es am Spielort einen Tag vor der Partie immer noch eine Pressekonferenz gibt, habe ich mich für die Selbstbucher-Variante entschieden – auch wenn sie mit den ja bereits geschilderten Nachtflügen verbunden und ziemlich anstrengend ist, wie ich gestehen muss. Aber so gibt es aktuelle Eindrücke und Berichte aus den Spielorten, deutlich mehr WM-Atmosphäre und eine nicht unerhebliche Kostenreduzierung.
Der unfreiwillige Roadtrip meiner Kollegen hat sich aber auch auf meine Rückreise ausgewirkt. Als ich am Freitag gegen 11 Uhr in Porto Seguro landete und in unserem zusammen gebuchten Mietwagen nach Santo Andre fahren wollte, stellte ich fest, dass ich zwar ein Auto, aber keinen Autoschlüssel hatte. So in etwa muss sich der Mann an Giselas Frühstückstisch in Salvador gefühlt haben, als er zwar Käse und Schinken hatte, aber durch Giselas „Operation: Brötchenbunker“ nicht mehr viel damit anfangen konnte.

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Jedenfalls war mein Autoschlüssel in irgendeinem Koffer am Flughafen in Recife. Da ich die Strecke von 35 Kilometer nicht komplett mit dem Taxi fahren wollte, suchte ich nach einem Plan B – und traf zwei Jungs vom FC-Bayern-TV. Zwei sensationelle Typen, die den WM-Teilnehmern des FC Bayern hinterher reisen und gerade Dante besucht hatten. Sie nahmen mich mit zu ihrem Hotel, von wo ich ein wesentlich günstigeres Taxi zur Fähre nahm. Da die Fähre gerade dabei war, abzulegen, und ich große Sehnsucht nach meinem Bett hatte, sprang ich aus dem Auto und stürzte mich auf das Boot. Mein Glücksgefühl hielt nicht einmal eine Nanosekunde. Denn als ich mich gerade für meine Abenteurer-Qualitäten feiern wollte stellte ich fest, dass ich zwar auf der Fähre war, mein Koffer aber noch im Taxi, was gerade losrollte, um zurückzufahren. Sprint. Schrei. Glück. Kofferraum öffnen. Spint zurück. Abfahrt. Atmen.

Da es auf dem Weg von der Fähre nach Santo Andre kein Taxi gibt, fuhr ich per Anhalter. Lange nicht mehr gemacht, aber noch immer ein probates Mittel.
Ich habe erst einmal fünf Stunden geschlafen, als ich mittags in meiner Pousada ankam. Und mich gefreut, als mich beim Aufstehen mein Koffer anlächelte. Das hat er, ganz sicher.

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