Tag 21: Raincife

Mein Bett ist gestern auf Wanderung gegangen. Als ich früh morgens meine Pousada verließ, stand es vor dem Fenster. Als ich abends zurückkam, stand es unter dem Fernseher, auf den ich deshalb nicht mehr gucken konnte. Ich bin aber weder verwundert noch erbost darüber. Ich hätte es vielmehr gar nicht für möglich gehalten, auch meine zweite Nacht in Recife in diesem Bett zu verbringen.

Es hatte reingeregnet. Durch die Decke. Es tropfte erst langsam, dann aber schnell sehr ergiebig auf mein Bett, durchnässte die Matratze und bildete große Kreise. Da ich den Shuttlebus zum Stadion bekommen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als den Besitzern der Pousada noch schnell den Zimmerschlüssel zu überreichen und ihnen zu erklären, dass mein Zimmer samt Koffer wohl in weniger als einer halben Stunde zu einem stattlichen Aquarium verkommen würde. Vorausgesetzt, die Decke würde nicht komplett zusammenbrechen.

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Auf meiner anschließenden mehr als zweistündigen Odyssee durch die Wasserstraßen von Recife hatte ich große Sorgen um mein Zimmer – und um die Menschen da draußen, deren Häuser völlig überschwemmt waren. Es hatte seit dem Vorabend durchgeregnet und hörte einfach nicht auf. Es ist mir immer noch unerklärlich und ein mittleres Wunder, dass das Spiel unter ziemlich normalen Bedingungen stattfinden konnte. Große Teile Recifes standen komplett unter Wasser, von unserem meterhohen Shuttlebus konnte ich durchs Wasser watende Menschen sehen, manche rollten mit ihren Motorrädern mutig durch die Fluten, andere warteten auf kleinen Erhöhungen auf das Ende des Regens. Es glich dem Warten auf Godot, wenn man so aus dem Fenster schaute.

Mich überraschte jedoch der relativ lockere Umgang mit dem katastrophalen Ausmaß. Klar, im Winter sind die Menschen hier Regengüsse gewohnt, aber ein ähnlicher Zustand hätte in Deutschland längst das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr auf den Plan gerufen.

Auch der komplette Verkehr stand still, da einige wichtige Zufahrtsstraßen nicht mehr passierbar waren. Irgendwann reifte die Erkenntnis, dass es keineswegs sicher war, rechtzeitig am Stadion anzukommen. Meldungen über eine angebliche Verschiebung des Spiels tröpfelten über Twitter und Facebook in den Bus – und steigerten die Laune einiger Insassen, die schon bei der Fifa versucht hatten, Polizeischutz anzufordern.

Für Sportjournalisten – während eine ganze Stadt im Wasser und vor allem im Chaos versinkt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich kurz mit dem Gedanken anfreundete, wie wir alle mit einem großen Apache-Hubschrauber vom Dach des Busses geholt und ins Stadion geflogen werden. Hätte was gehabt. Zumal ja auch der DFB in Brasilien ungemein Hubschrauber-affin ist und immer mal wieder Spieler hin und her fliegt.

Naja, wir kamen auch mit unserem Wasserbus natürlich wieder irgendwie pünktlich im Stadion an. Allerdings verzögerte sich auch die Rückreise, da die USA alle Abfahrtswege hatten Sperren lassen, bis der Mannschaftsbus von einer großen Polizeieskorte begleitet das Stadion verließ. Dass das ganze drei Stunden dauerte, hatten sich selbst die Offiziellen nicht ausgemalt.

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Immerhin blieb den Besitzern meiner Pousada so mehr Zeit, mein Zimmer wieder herzurichten. Ich bin mir nicht sicher, was genau in den Stunden meiner Abwesenheit passierte und habe auch nicht danach gefragt. Auf jeden Fall hatten sie die Löcher in der Decke gestopft und weiß überstrichen. Und mein Bett flugs an das andere Ende des Zimmers geschoben, wo es jetzt den Zugriff auf den Kühlschrank ebenso versperrte wie den Blick auf den Fernseher. Doch das war mir alles ziemlich egal. Ich fiel ins trockene Bett. Raincife hatte mich nicht besiegt.

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