Tag 20: Haialarm in Recife

Leider hielt der zweite Teil meiner Reise von Porto André über Sao Paulo nach Recife noch ein Erlebnis bereit, auf das ich lieber verzichtet hätte. Als der Flieger abhob und dich mich gerade in den Sitz faltete, brach eine vier Reihen vor mir eine ältere Frau zusammen. Erst eilten hektisch die Flugbegleiterinnen heran, dann wurde per Durchsage gefragt, ob ein Arzt an Bord sei. Zwei Männer – einer saß direkt vor mir -  meldeten sich und versorgten die frau sogleich. Anfangs hatte ich noch das Gefühl gehabt, sie habe vielleicht nur einen Kreislaufkollaps erlitten, doch die Ärzte kümmerten sich die vollen drei Stunden Flugzeit um sie. Frau und Tochter des einen Arztes schauten ziemlich besorgt drein, als sie sahen, was ihr Mann bzw Vater nun machte, anstatt neben ihnen im Flieger zu dösen:  Er setzte der Dame zuerst eine an eine kleine Sauerstoffflasche angeschlossene Atemmaske auf. Dann legte er ihr einen – Mediziner dürfen mich gern berichtigen – peripheren Venenkatheter und bekam eine Infusion verabreicht. Es folgten mehrere Spritzen.  Insgesamt wirkte es einigermaßen dramatisch auf mich, was wahrscheinlich vor allem daran lag, dass es mitten im Flugzeug geschah. Ich hatte großen Respekt vor den beiden Ärzten und fragte mich, was eigentlich passieren müsse, damit ein Zwischenstopp eingelegt werde, blieb mir aber eine Antwort schuldig.

Ich landete also ziemlich übermüdet in Recife, wo die Dame sofort von einem  wartenden Krankenwagen abgeholt wurde. Ich nahm ein Taxi zu meiner Pousada und wurde vom Fahrer eindringlich vor den Gefahren der Stadt gewarnt: Kriminalität und Haie. Im vergangenen Jahr starb in Recife eine junge Schwimmerin an den Folgen eines Hai-Bisses, der riesige Strand ist voller Schilder, die vor Hai-Attacken warnen. Da ich ohnehin keine Zeit habe, ins Meer zu springen und es hier die ganze Zeit ziemlich heftig regnet, konnte ich die Hai-Warnungen recht locker nehmen und mich auf die Straßenkriminalität konzentrieren. Das kam mir ganz gelegen, da ich große Angst vor Haien habe, seitdem ich als kleines Kind bei einem damaligen Kumpel den – naja – Horrorfilm der weiße Hai gesehen habe. Natürlich weiß ich, dass der Streifen nicht gerade der realistischste Film aller Zeiten ist und auch nicht unbedingt mit Special-Effekten-glänzt, aber ich war noch sehr jung und irgendwie haben sich die Bilder wohl tief in meinem Kopf verankert. Auf jeden Fall bekomme ich selbst in Südfrankreich schnell ein unwohles Gefühl, wenn ich mal ein paar Meter ins Meer hinaus schwimme.

Mich hat es aufgrund meiner Wasser-Sorgen deshalb selbst umso mehr überrascht, als ich vor eineinhalb Jahren bei einer meiner Südamerika-Reisen im bolivianischen Amazonas den Mut hatte, in einem schwarzen und von Alligatoren bewohnten Fluss zu baden. Wir wohnten in einer kleinen Hütte, von der aus man nachts mit der Taschenlampe unzählige Alligator-Augen sehen konnte. Am zweiten Tag stiegen wir in unsere schmalen Boote, um mit rosa Süßwasser-Delfinen zu schwimmen. Ich erwartete eine Fahrt in ein abgelegenes Gebiet, doch 15 Minuten und zwei Alligatoren später sagte unser Reiseleiter: Viel Spaß, hier könnt ihr schwimmen, hier passiert nichts. Als ich das Ganze noch für einen gar nicht mal so schlechten Scherz hielt, sprangen drei Engländer schon ins Wasser. Es war schwarz. Man konnte nicht hineinsehen. Ab und zu tauchten wirklich rosa Delfine auf, allerdings wirkten sie in dem trüben Gewässer wenig Flipper-haft. Ich sprang trotzdem hinein. Abenteuer. Was soll‘s. Was ich nicht bedacht hatte war, dass der Fluss einen unglaublich hohen Wasserstand hatte und viele Bäume komplett verschwunden waren. So stieß ich immer wieder mit den Beinen an irgendwelche im schwarzen Wasser unsichtbaren Äste und erlebte in Gedanken an die eben noch gesehenen Alligatoren einige kleine Herzattacken. Naja, alles gut gegangen, auch wenn meine Eltern von der Geschichte irgendwie nicht so begeistert waren, wie ich es erwartet hatte.  Vor 9000 Meter entfernten Haien hab ich trotzdem noch Angst, auch wenn – und schon bin ich aus Bolivien wieder zurück in Brasilien – die Straßenkriminalität die größere Gefahr Recifes ist. Überall wird man gewarnt, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße zu gehen und nur offizielle Taxi-Unternehmen zu benutzen. Die erzählen dann, man solle auch bestimmte Hauptstraßen nicht nutzen, da dort immer wieder Autos gestoppt und überfallen werden. Ich hielt die Warnungen für etwas übertrieben, bekam dann aber via Wikipedia folgende Information: 2005 hatte Recife mit 95,8 Morden pro 100.000 Einwohnern die höchste Mordrate des Landes. Die Mordrate ist doppelt so hoch wie die  von Rio de Janeiro. Es heißt sogar: „In Coque, einem Slum von Recife, töten Kinder nur, um einen guten Platz zum Überfall auf Autofahrer zu verteidigen.“

Vielleicht gehe ich doch besser Schwimmen, als gleich zum Stadion zu fahren.

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