Tag 2: Maracana

Das Maracana hört nicht auf. Nicht nur, weil es natürlich vor allem rund ist. Es ist unfassbar weitläufig und verwinkelt. Ich weiß das, weil ich nach dem Verlassen des Zuges nicht 100 Meter nach rechts zum Medieneingang gegangen bin, sondern einen gefühlten Halbmarathon nach links. Obwohl ich nicht der typische Ich-gehe-manchmal auch ganz-gern-Spazieren-Mensch bin, habe ich den Fußmarsch sehr genossen. Ich hatte einiges über den Mythos Maracana gelesen, und nun genug Zeit, mit klarzumachen, wo ich gerade bin: Im Mekka des Fußballjournalismus. Oder zumindest am Rand des Mekkas des Fußballjournalismus, denn da Stadion gehört seit ein paar Wochen der Fifa. Man kommt nicht rein, und bis auf wenige Stellen auch nicht wirklich nah dran. Ein bisschen wie im alten Müngersdorfer Stadion, auch wenn wohl selbst FC-Fans einräumen, das ein Vergleich zwischen dem Müngersdorfer und Maracana grundsätzlich nicht funktionieren kann.
Das Estadio Journalista Mario Filhou, wie es offiziell heißt, besteht nicht nur aus der Fußball-Arena. Zu dem Areal gehört eine Halle, ein Schwimmbad, ein anderes Stadion, ein Indianer-Museum und eine Schule. mit eigenem Sportplatz. Die Fifa hat durchgesetzt, die Indianer zu vertreiben und sie mit Tränengas und einem unfassbaren Polizeiaufgebot trotz großen Protesten einfach aus den brüchigen Mauern gezogen. Das sollte auch mit der Schule passieren, doch da es angesichts der großen Protesten gegen die Regierung keine wirklich werbewirksame Maßnahme gewesen wäre, die Schulkinder mit Tränengas aus der Schule zu jagen, durfte sie bleiben. Das ist zumindest die Kurzfassung.
Selbst das Internet würde nicht ausreichen, um alle Geschichten des Maracana zu erzählen. Kurzgefasst hat es neben dem Auftritt von Udo Jürgens vor Zehntausenden Menschen ein paar weitere unvergessliche Tage erlebt. An erster Stelle natürlich das Finale der WM 1950. Brasilien unterliegt Uruguay im entscheidenden Spiel der Heim-Weltmeisterschaft vor der Rekordkulisse von 200000 Zuschauern 1:2. In Brasilien spricht man vom Maracanaco, dem Schock von Maracana. Siegtorschütze Alcides Ghiggia erzählte später glaubhaft, er habe Mitleid mit den hemmungslos heulenden Zuschauern gehabt. Vor allem sagte er aber einmal: “Es haben nur drei Leute das Maracana mit einer Bewegung zum Schweigen gebracht: Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und ich
.”

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Damals liebten die Brasilianer ihr Maracana noch. Die Liebe ist abgekühlt, seitdem das Stadion mehrfach umgebaut wurde – trotz der Erklärung zum nationalen Denkmal im Jahr 1998. Seitdem wurde der Rasen tiefergelegt, um mehr Platz zu haben. Das Dach wurde erneuert und die Tribünen erst rausgerissen und dann neu eingebaut. Der Umbau, der ja eigentlich keiner nicht, hat 400 000 Millionen Euro gekostet, was ihn teurer als einen Neubau macht.
Vor allem hat das Maracana aber seine soziale Komponente für Rio verloren. “Das Maracana gehört uns” galt früher in Rio. Die Preise waren so niedrig, dass sich auch die Bewohner der Favelas Eintrittskarten leisten konnten. Zudem spielten vier Verein Rios dort – fast jeder Bürger hatte eine emotionale Bindung zum Stadion.
Jetzt kosten die günstigsten Tickets ungefähr einen halben Durchschnitts-Monatslohn. Es ist eine Arena für die Oberschicht mit VIP-Logen, Shops und allen europäischen Standards. Lars Rickens damals heftig diskutierter “Ich-sehe-Nadelstreifenanzüge”-Werbespot war nie zutreffender als hier.
Hinzu kommt, dass hinter der Bahn-Haltestelle eine riesige Favela anschließt, die den Hang hinter dem Stadion emporwächst. Die Welten sind zu verschieden, um das Maracana zu lieben. Bestaunen darf man das Ausmaß der Arena aber dennoch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich  - als ich mir meine WM-Akkreditierung abgeholt habe – den größten Presseraum der Welt gesehen habe.
Am meisten beeindruckt hatte mich an diesem Tag aber eine andere Sache. Auf dem Weg zum Maracana fragte ich einen – wie sich später rausstellte – australischen Rio-Studenten nach dem Weg. Auf seinem gut sichtbaren Studentenausweis stand sein Name: Michael McMaster. Ein unglaublicher Name, wie ich finde. Zumal ich am Vortag ja schon Herman Suarez Torres getroffen hatte. Ich habe mir überlegt, ob mein Leben anders verlaufen wäre, wenn ich Michael McMaster geheißen hätte. Ich bin zu keinem Ergebnis gekommen, außer dem Gedanken, dass Michael McMaster natürlich eine fantastische Autorenzeile hergeben würde.
Euer Michael Krämer. Gute Nacht.

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