Tag 19: Luisa y Andres

Mir fallen beim Schreiben die Augen zu. Ich sitze – mal wieder – am Flughafen von Sao Paulo. Eigentlich liege ich eher, so weit bin ich die Sitzbank eines Fast-Food-Restaurants schon hinuntergerutscht. Es ist 00.19 Uhr brasilianischer Zeit, fünf Stunden später als in Deutschland. Ich bin auf dem Weg nach Recife, wo am Donnerstag Deutschland gegen die USA spielt. Doch von Klinsi, Berti und Jogi bin ich gerade ziemlich weit weg. Und das nicht nur räumlich.

Rund vier Stunden warte ich seit meiner Ankunft aus Porto Seguro schon am Flughafen. Drei weitere fehlen noch, bis der Flieger endlich abhebt und ich ein wenig schlafen kann, bevor es am Mittag zur Pressekonferenz und zum Abschlusstraining der Nationalmannschaft geht.

Zwar bin ich gerade ziemlich müde und könnte mir gemütlichere Orte vorstellen, die Nacht zu verbringen, die Situation könnte aber natürlich wie eigentlich immer im Leben auch wesentlich schlimmer sein. So wie die Lage von Luisa und Andres zum Beispiel. Die beiden hocken neben mir – dabei wollten sie eigentlich längst im Flieger zurück in ihre Heimatstadt Caracas sitzen. Der Tag behielt aber einige Überraschungen für sie bereit: Zunächst verlor Andres in Sao Paulo  seinen Geldbeutel. Beim hektischen Sperren der Kreditkarten per Telefonverbindung nach Venezuela vergaßen beide die Zeit ein wenig. Irgendwann bemerkten sie, dass es knapp werden könnte mit ihrem Flug. Sie liefen zu ihrem Hotel, fuhren mit dem Bus zum Flughafen – und standen im Stau. Geld weg, Kreditkarten weg, Flieger weg. Und spätestens auch der letzte Rest der guten Laune weg, als sie erfuhren, dass es die nächsten freien Plätze nach Venezuela erst in drei Tagen gibt. Ein verlängerter Urlaub ist ja grundsätzlich etwas Schönes. Andres und Luisa  hätten aber gern auf den Brasilien-Zuschlag verzichtet.

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Dafür, dass sie schon fast einen Tag mit all den Koffern am Flughafen verbracht haben und vor allem noch 48 Stunden vor sich haben, sind beide noch recht entspannt. Ihre Arbeitgeber haben sie beruhigt, es droht kein Schaden durch die verpassten Arbeitstage. Lucia nennt Andres auch wieder „Mi Amor“, der Verlust des Geldbeutels ist verziehen.

Ich habe das Pärchen in der Fußball-Lounge im Flughafen kennengelernt, als ich mir die Highlights der Spiele anschaute. Griechenland spielt hier ein episches Turnier, mit einem Torverhältnis von 2:4 weiterzukommen ist mindestens fantastisch. Das musste einmal gesagt werden.

Jedenfalls unterhielt ich mich mit den beiden über Venezuela, einem wunderschönen Land voller Probleme, dem ich spätestens seit meinem Urlaub im Vorjahr emotional sehr verbunden bin. Ich war sehr froh, nicht sieben Stunden allein am Flughafen zu sitzen und lud die zwei Flughafen-Gefangenen zum Essen ein. Immerhin verbleiben ihnen bis zum Abflug nur noch umgerechnet rund 30 Euro. Nicht viel für zwei Personen an einem teuren Flughafen. Vielleicht haben sie Glück, und können als Stand-by-Passagiere noch einen früheren Flug bekommen. Bis dahin hält Andres Nachtwache und behält die vielen Koffer im Blick, wenn Luisa schläft.

Wenn ich mir vorstelle, dass beide noch immer hier sein werden, wenn ich am Donnerstag im Stadion das Spiel Deutschland gegen die USA schaue, tun mir beide wirklich leid.

Zumindest, so sind sich beide sicher, haben sie eine Anekdote hinzugewonnen. „In ein paar Jahren können wir darüber lachen“, scherzt Andres. „Ja –  in ein paar Jahren“, erwidert Luisa. Lacht dann aber doch.

Bad decisions make good Stories.

Und Südamerikaner sind gute Vorbilder im Umgang mit Stresssituationen.

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