Tag 15: Lärm ist schlimmer als Hitze

Ich sitze in der Frühstückshalle meines Hotels in Fortaleza und schaue den umherwuselnden Menschen zu. Viele Deutsche sind hier, schon früh morgens in DFB-Trikots gehüllt und merklich optimistisch. Vielleicht wären sie noch hoffnungsvoller, wenn sie – so wie ich – den gestrigen Abend an der Promenade hätten ausklingen lassen.

So gewann ich den Eindruck, dass es für die Ghanaer unmöglich sein konnte, sich ungestört auf das Spiel vorzubereiten und früh schlafen zu gehen. Die Promenade ist der Hotspot der Stadt und an einem Freitagabend ein Schmelztiegel jeglicher Geräusche. Touristen johlen und kreischen, Verkäufer preisen ihre Waren an, Polizeisirenen heulen auf und Autofahrer beschallen mit offenen Fenstern die Straße mit brasilianischem Funk. Und all das, fünf Meter von der Eingangstür des Teamhotels entfernt, die von einem Einsatzfahrzeug bewacht wird, dessen permanentes Blaulicht für das passende Dorfdisco-Ambiente sorgt.

Ein Mann, der das Hotel verließ und an den Nachbartisch setzte,  bestätigte mir mein Gefühl: Selbst im 18. Stock sei bei geschlossenen Fenstern nicht an Schlaf zu denken. Fast hätte man meinen können, der DFB hätte ein paar Bürger und noch mehr Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft bewusst zu einer All-you-can-drink-Party eingeladen. 1:0, DFB.

Ich stellte mir vor, wie Ghanas Spieler vor dem Spiel ums sportliche Überleben – selbst Jogi Löw sprach martialisch von einem „Spiel bis aufs Blut“ – sich nach Schlaf sehnend im Bett Hin und Her wälzten, währen die DFB-Jungs in ihren Luxussuiten von Harvenspielern sanft in die Welt der Träume entsandt werden. Vielleicht haben sie aber auch bis tief in die Nacht an den Konsolen gezockt oder Kevin-Prince Boateng Telefonstreiche gespielt, man wird es so schnell nicht erfahren.

Beim Abschlusstraining am Nachmittag wirkte die Nationalelf aber sehr konzentriert. Allerdings ist der Rasen in Fortaleza sehr stumpf und sieht schon ein wenig verbrannt aus. Das Überrascht kaum, denn Fortaleza ist gefühlt die heißeste Stadt der Welt. Um die Mittagszeit brennt die Sonne, so dass man dem Sonnenbrand im Zeitraffermodus bei der Entstehung zusehen kann. Auch hier im Frühstücksraum sitzen einige Menschen mit ziemlich schmerzhaften Neon-Hauttönen.  Bei einigen offensichtlichen Selbsteincremern ist deutlich sichtbar, wo die Spannweite der Arme geendet hat. Lustige Körpergemälde sind das. Rot auf weiß, unterbrochen nur von grünen Tattoos.

Dabei kann man der Sonne keine Hinterlistigkeit vorwerfen. Wenn man die klimatisierten Lobbys oder Busse verlässt, schlägt einem die Hitze brutal entgegen. Es ist, als würde man durch einen Schwamm atmen, man japst erst einmal ein wenig. Ich habe das bislang erst einmal erlebt, als ich in Doha umsteigen musste und beim Verlassen des Flugzeugs aufgrund der plötzlichen Hitzewand fast von der Treppe gestürzt wäre.

Wäre das Spiel um 13 Uhr Ortszeit, wäre die Hitze wohl ein ziemlicher Faktor in diesem Spiel. Um 16 Uhr ist es nicht ganz so entscheidend, da beginnt schon fast der Sonnenuntergang. Die Nationalspieler müssen bloß aufpassen, nicht schon beim Warmlaufen in die Hitze-Falle zu rennen. Ghana ist kaum gefährdet. Wer nachts nicht schläft, hat am frühen Nachmittag auch noch keine Lust zu laufen.

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