Tag 13: Viva Chile! Tschüss Volker!

Maracanazo, die zweite! Nach Brasilien 1950 hat nun also auch Spanien seinen persönlichen „Horror von Maracana“ erlebt. Auch Frankreich und Italien waren zuletzt allerdings vier Jahre nach ihren WM-Titeln spektakulär gescheitert, das Schicksal der Weltmeister hat nun eben auch Spanien ereilt. Aufgrund meiner Live-Eindrücke aus dem Holland-Spiel in Salvador überraschte mich das Ergebnis nicht sonderlich. Spanien ist physisch nur noch eine Hülle früherer Tage und wirkt vom ewigen hin und herpassen selbst ziemlich gelangweilt. Was Vicente del Bosque bei diesem Turnier mit Diego Costa vorhatte, wird dazu wohl ewig sein Geheimnis bleiben. Die Brasilianer haben sich hier auf jeden Fall ziemlich gefreut, dass Spanien und vor allem ihr Ex-Liebling Costa aus dem Turnier geflogen sind. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die Freude nur anhält, wenn die Gastgeber im Achtelfinale nicht auf Chile treffen.

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Vor einer Mannschaft, deren Trainer aussieht wie Andre Agassi, muss man einfach Respekt haben. Chile hat es geschafft, aus elf Spielern nicht nur elf Freunde, sondern gleich elf Zwillinge zu machen. Der Teamgeist ist unglaublich, mir hat es gut gefallen, dass sie in der Pause zusammen vom Platz gegangen sind. Zudem sind sie körperlich und mental in einer wahnsinnig guten Verfassung. Ich habe Chile live im Stadion bei der unglücklichen Niederlage in Stuttgart gegen Deutschland gesehen. Auch da haben sie das DFB-Team schwarmartig überfallen und ratlos auf dem Platz zurückgelassen. Joachim Löws Mannschaft wusste auch nach dem Spiel nicht so recht, was da gerade Geschehen war und vor allem nicht, wie sie dieses Spiel hatten gewinnen können. Chile hat zuletzt in England gewonnen, hätten in Deutschland gewinnen müssen, haben Spanien bezwungen und können nun noch die Niederlande im direkten Duell besiegen. Spätestens dann sollten die Brasilianer zusehen, dass sie in ihrer Gruppe Erster werden. Ich glaube Neymar zittert jetzt schon vor Arturo Vidal und seiner Irokesen-Gang, die durch den Sieg gegen den alten Widersacher Spanien – noch dazu im Maracana – zu Nationalhelden aufgestiegen sind. Der 18. Juni wird in Chile immer mit diesem Sieg verbunden bleiben. Ich war mehrfach in diesem faszinierenden schmalen Land, in der die Folgen der Militärdiktatur noch immer spürbar sind. Chile ist sehr straff organisiert und sehr gesetzestreu. Während in den Nachbarländern selbst rote Ampeln eher Ratgeber sind, wird es in Chile schon richtig problematisch, wenn wenn man nicht angeschnallt im Auto sitzt. In San Pedro de Atacama im Norden Chiles wurde ich sogar fast einmal festgenommen, weil ich nach Mitternacht noch ein Bier in der Öffentlichkeit getrunken hatte. Ich glaube aber, das war gestern sogar in Chile erlaubt.

Auf die Chile-Fiesta folgte das Spiel Kroatien gegen Kamerun, eine Art Anti-Chile. Ich kann mir nicht vorstellen, dass den Chilenen vor dem Turnier eine Boykott-Drohung in den Sinn gekommen wäre, um höhere Prämien auszuhandeln.  Sie wirken vielmehr, als wären sie auch in Fußballschuhen über die Anden gekraxelt, um ihr Land bei der WM vertreten zu dürfen. Nach so einer peinlichen Vorstellung ist die vorherige Boykott-Drohung natürlich ein unfassbares Desaster für die Kameruner. Ich bin mir nicht sicher, ob Verband und Bürger der zu einem Schlägertrupp in Fußballtrikots  verkommenen Mannschaft noch finanzielle Zuwendungen zukommen lassen wollen. Songs Faustschlag gegen Mandzukic, dazu ein mannschaftsinternes Kopfstoß-Duell. Szenen, die man so auf dem Fußballplatz noch nicht gesehen hat, abgesehen natürlich von Lukas Podolskis Watschn gegen Michael Ballack. Teamgeist scheint es in der von  Volker Finke geführten Mannschaft jedenfalls nicht zu geben. Das allerdings, überrascht mich noch weniger, als das Vorrunden-Aus Spaniens.

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