Tag 12: Gisela

Nachdem der Vorabend mit den Höhnern und Reiner Calmund geendet hatte, begann auch der Morgen mit einer deutschen Begegnung. Ich saß an einem winzigen Tisch im kleinen Frühstückspause meines Hotels, als ich mitbekam, wie sich am Nachbartisch über den schlechten Service, das fehlende Essen und den “Brasilianer an sich” geschimpft wurde. Das Hotelpersonal war dem Gäste-Ansturm nicht gewachsen und hatte Probleme, Brötchen, Aufschnitt und Kaffee nachzuliefern, war aber sehr bemüht und bat an jedem einzelnen Tisch um Verzeihung.
Während der Tenor an den anderen Tischen in etwa ein “kein Problem, bloß kein Stress” war, echauffierten sich Gisela – der Name stand zumindest auf ihrem Deutschland-Trikot – und ihr Begleiter. So erfuhr ich einiges über den “Brasilianer an sich”. Beispielsweise, dass “der Brasilianer an sich” ja nunmal keine Ordnung habe, dass der Zustand am Buffet typisch für den “Brasilianer an sich” sein und zum Abschluss: “Was soll man von den Brasilianern denn auch schon erwarten?!”
Meine Überlegungen, ob es überhaupt Sinn mache, mit den beiden Welterklärern zu diskutieren, beendete Gisela durch eine beherzte Aktion. Als drei Brötchen in den Korb auf dem Buffet nachgeliefert worden, sprang sie auf, nahm alle Drei und verteilte sie auf ihre Teller: 2 für sie, 1 für ihren Begleiter. Noch ungläubiger als ich starrte ein älterer an Giselas Tisch sitzender Portugiese, der im Gegensatz zu dem deutschen Duo noch Käse und Schinken auf seinem Teller hatte und ebenfalls auf frische Brötchen wartete. So saßen nun handlungsunfähig Gisela vor ihren zwei Brötchen, ihr Begleiter vor einem und der Portugiese vor seiner Käse-Wurst-Kombination und schauten auf ihre Teller. Auch die anderen internationalen Gäste hatten die Szene mitbekommen und schärften nun vermutlich ihr Bild des “Deutschen an sich”, Gisela hatte im Gegensatz zum Nationalteam nicht unbedingt eine Welle der Begeisterung ausgelöst.

Foto
Ich verabschiede mich freundlich und wünschte mit auf die mit Brötchen beladenen Teller gerichteten Blick einen guten Appetit und machte mich auf zum Flughafen, von wo aus die Reise zurück nach Santo André führte. Ich musste noch zwei Texte in die Redaktion schicken, so schrieb ich im Flugzeug, im Leihwagen im Stau vor der Fähre und auf der Fähre, die mich sicher nach Santo André brachte. Nachdem ich meinen Koffer in meiner Pousada abgegeben und den ersten Artikel nach Köln geschickt hatte, musste ich gleich wieder los zum Training der Nationalmannschaft. Ich setzte mich ins Auto, drehte den Zündschlüssel – und es geschah nichts. Als ich die Motorhaube öffnete sah ich, dass sämtliche die Batterie anschließenden Kabel in der Luft hingen. Ich fragte Carlos, den Angestellten der Pousada, um Rat. Er holte einen Werkzeugkoffer, lachte beherzt beim Anblick des Chaos unter der Motorhaube und reparierte den Wagen in wenigen Minuten. So schaffte ich es noch pünktlich zur Trainingseinheit. Auf dem Weg dorthin dachte ich an Gisela und “den Brasilianer an sich”. So wie Carlos halt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>