Archiv für den Tag: Juli 13, 2014

Tag 34: Nicht-Flug-Angst

T minus 1 bis zum Finale begann mit einer fantastischen Nachricht: Die Fifa bestätigte mir meine Akkreditierung für das Endspiel. Beseelt packte ich früh morgens meinen Koffer, um mich wenig später mit meinem ebenso fantastischen Kollegen Gegor Derichs auf den Weg zum Flughafen zu machen. Ein letztes Mal fuhren wir mit der Fähre, ein letztes Mal passierten wir die knapp 30 als Stoßstangenbrecher gefürchteten Bremshügel auf dem Weg nach Porto Seguro.

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Neben einem minimalen Anflug von Melancholie und der riesigen Vorfreude auf das Maracana empfand ich auch ein wenig Sehnsucht nach der Heimat. Ich freue mich sehr auf meine Familie, Freunde und Banalitäten des Alltags: Frisches Brot zum Beispiel, meine Couch. Oder auch darauf, einfach mal entspannt einen Film zu schauen. Aber – das ist ein ebenso simpler wie mich prägender Leitspruch – „there is a time for everything“. Also auch für die Rückkehr zu Gewohnheiten, zunächst steht aber der Wahnsinn des Weltfußballs an.

Wir kamen mit unserem zerbeulten Leihwagen recht früh in Porto Seguro an und entschieden uns, noch einen Kaffee zu trinken. Ich kaufte mir zudem noch ein zu meinem Sakko passendes T-Shirt für das große Finale, meine Kleidung ist durch die stetige Rumreiserei ganz schön in Mitleidenschaft gezogen worden und vor allem recht zerknittert.

Auf den vom Zentrum zum Flughafen verbleibenden Kilometern plauderten wir über den zurückgelegten Weg bei dieser WM. Gregor rechnete eine Distanz von 16 000 Kilometern aus – nur innerhalb Brasiliens. Da ich dazu neige, ab und an mal Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen oder auch ganz gern mal eher Risiko behaftete Zeitpläne aufstelle, offenbarte ich Gregor meinen Stolz und meine Erleichterung darüber, all die schreib-fernen Anforderungen meiner ersten WM, trotz der teilweise schwierigen Umstände, erfüllt zu haben: Ich hatte keinen meiner mittlerweile 22 (!!!) Flieger verpasst, keine Anmeldefristen versäumt, keine Wertgegenstände verloren und selbst die Fifa-Akkreditierung baumelt noch immer um meinen Hals.

Als wir fünf Minuten später den Check-In-Schalter erreichten, bekam ich die Quittung für meine Selbstzufriedenheit – und akutes Herzrasen. Wir standen nicht auf der Passagierliste des Fliegers. Rio, das Maracana und das WM-Finale waren plötzlich ganz weit weg. Ich zitterte, als ich mich auf Spanisch mit der portugiesisch sprechenden Frau am Schalter verständigte. Ein paar hektische Anrufe später war klar: Das Reisebüro, über das Journalisten viele Inlandsflüge bevorzugt buchen, hatte unsere Buchung nicht bestätigt.

Bange Minuten. Weiche Knie. Unendliche Leere. Und vor allem der große Ärger, dass ich noch nicht einmal Schuld an dieser Situation war. Ich sah mich schon auf einem Roadtrip nach Rio im noch zurückzugebenden Leihwagen, als ich die Dame flehentlich bat, doch bitte nachzuschauen, ob nicht noch Platz sei im Flieger nach Belo Horizonte und im Anschlussflug nach Rio de Janeiro. Meine Hoffnungen waren begrenzt, schließlich wusste ich, dass ungefähr halb Südamerika einen Tag vor dem Finale nach Rio flog.

Nach 35 (und wieder: !!!) Minuten, in denen die Frau hektische Telefonate führte und mehrfach entgeistert auf ihren PC schaute, lächelte sie mich plötzlich an: Es gab zwei freie Plätze für beide Flieger, Abflug in 20 Minuten, zu einem günstigeren Preis, als zuvor erfolglos gebucht.

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Tag 33: Vandalismus zum Abschied

Nachdem am Donnerstag bereits eine kleine Abschiedsparty für nach Rio reisende Kollegen stattfand, hatte ich am Freitag meinen letzten Arbeitstag in Santo André. Als ich meine Arbeit beendet und den letzten Artikel aus dem deutschen Camp in die Redaktion geschickt hatte, stieg ein erhabenes Gefühl in mir empor. Nach fünf Wochen des täglichen Kampfs gegen die Uhr hatte ich es geschafft, der Weg nach Rio ins Maracana war geschafft, der Stress für einen Tag unterbrochen. Um den Redaktionsschluss zu schaffen, hatte ich in Brasilien ja bislang trotz des fünfstündigen Zeitunterschieds ja meist nach der deutschen Uhr gelebt. Das bedeutete, dass ich meine Tage um fünf Uhr begann und von da an gegen die immer schneller werdende Zeit anschrieb. Da es schwer ist, jeden Tag um acht Uhr schlafen zu gehen, führt der Arbeitsrhythmus zu einem nicht zu unterschätzenden Schlaf-Defizit, das mich und meine Kollegen immer mal wieder ziemlich umgeworfen hat.

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Am Freitag aber endete dieser Teil der WM für mich. Ich fuhr glücklich, beschwingt und einfach unglaublich froh mit dem Fahrrad vom Pressezentrum in die Pousada, packte mir meine Badeklamotten, um erstmals zu einem etwas abgelegenen Strand zu fahren, von dem mir Kollegen schon erzählt hatten. Als ich mit Carlos, dem Wirt unserer Pousada, losfahren wollte, machten wir eine überraschende Entdeckung. Unser Auto war Opfer eines fiesen Anschlags geworden. Vielleicht aufgrund des deutschen Sieges gegen Brasilien war in der Nacht jemand auf dem Auto herumgeklettert – und hatte Dach und Motorhaube offensichtlich als Trampolin benutzt. Auf jeden Fall zierten sandige Fußabdrücke und tiefe Beulen unseren Leihwagen.

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Carlos und ich versuchten bestmöglich, mal mit Fingerspitzengefühl und mal mit roher Gewalt, die Dellen auszubeulen, was uns halbwegs gelang. Allerdings kam uns die Innenbeleuchtung entgegen, als wir von innen gegen das Dach schlugen. Naja, wir „reparierten“ alles, so gut es ging und machten uns auf zum etwa zehn Kilometer entfernten Strand.

Es war ein wundersamer Ort und der perfekte Abschluss einer außergewöhnlichen Reise, bevor es am Samstag wieder zum Startpunkt Rio zurückgehen sollte. Einige Kollegen warteten schon und genossen das Panorama: Ein Fluss mündete ins immer wieder über den Strand in einen kleinen See schwappende Meer, dichte Palmen ragten über den Sand und sorgten für eine urige Atmosphäre. Ich schlenderte den Strand entlang und versuchte, das bislang Erlebte Revue passieren zu lassen. Es waren Momente, die mir sehr lange in Erinnerung bleiben werden. Es fiel unheimlich viel von dem Druck ab, der so ein Turnier mit sich bringt. Irgendwann ließ ich mich auf eine Liege fallen, trank ein Bier und genoss einfach den Augenblick. Eine Handlung, die zuletzt aufgrund der doch schon ziemlich irreal hohen Taktung von unvergesslichen Ereignissen doch sehr kurz kam.

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Ich sammelte viel Kraft an diesem Nachmittag, die ich brauchen werde: Das größte Ereignis meiner beruflichen Laufbahn rückt näher. Die Zeit tickt, dieses Mal aber für mich:
Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft im Maracana steht kurz bevor.