Archiv für den Tag: Juli 10, 2014

Tag 32: Mehr. Geht. Nicht.

Nach einer fast schlaflosen Nacht, in der ich versucht hatte in Worte zu fassen, was eigentlich unbeschreiblich war, kehrte ich nach Porto Seguro zurück, wo ich am Flughafen den letzten Artikel des Tages in die Redaktion schickte. Der tägliche Kampf gegen den Redaktionsschluss der ersten Ausgabe – der immerhin bereits um 14 Uhr Ortszeit erfolgt und mir somit eine mittlerweile fünf-wöchige Nachtschicht beschert – war geglückt.

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Ich nahm die guten Wüsche der Flugzeug-Crew für das Endspiel entgegen und machte mich im Leihwagen auf den Weg nach Santo André, um mir in Ruhe das zweite Halbfinale anzuschauen. Da ich viele Monate in Argentinien verbracht habe und noch immer die melodisch wunderschönen und mit Herzblut vorgetragenen Fan-Gesänge im Ohr habe, konnte ich ganz gut mit dem Ausgang der Partie leben, auch wenn mir die Holländer ein wenig Leid taten. Zumal ich habe einige Holland-Fans in meinem engen Bekanntenkreis und in Salvador ein paar lustige Niederländer getroffen, die mich noch immer täglich mit den neuesten Louis-van-Gaal-Bildkreationen aus dem Netz versorgen. Gedanken an  den Elfmeter-Provokateur Krul  minderten das Mitgefühl aber wieder ein wenig.

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Da ich bereits das historische Halbfinale gegen Brasilien erleben durfte und nun – falls das Schicksal nicht eingreift – mein persönliches Wunsch-Finale zwischen Deutschland und Argentinien sehen werde, erschrak ich allerdings kurz, ob der vielen positiven Wendungen der letzten Wochen. Irgendwann gleicht sich im Leben ja immer alles aus, ich befürchtete einen hohen Preis für meine außergewöhnlichen Wochen in Brasilien.

Ziemlich schnell wandelte sich meine Gefühlslage aber in pure Vorfreude auf den wohl wichtigsten und ereignisreichsten Arbeitstag meines Lebens: WM-Finale. Deutschland gegen Argentinien. Maracana. Mehr. Geht. Nicht.

Vor einiger Zeit hatte ich ja  schon einmal über die WM-Ziele Brasiliens geschrieben: 2. Weltmeister werden. 1: Argentinien darf nicht Weltmeister werden. Aufgrund dessen bin ich mir ziemlich sicher, das akustisch imposanteste WM-Finale aller Zeiten sehen zu werden. Das Maracana wird eine Open-Air-Oper, die massenhaft anreisenden Argentinier werden das Stadion mit wunderschönen Liedern beschallen, der seit Mittwoch brasilianisch dominierte  Fan-Club-Nationalmannschaft seinen stimmungsvollen Höhepunkt erreichen. Ein Festival der Emotionen, an dessen Ende der WM-Pokal übergeben wird.

Vielleicht wird es danach den Fußball-Weltmeister Lukas Podolski geben. Und den Fußball-Weltmeister Benedikt Höwedes. Und den Fußball-Weltmeister Shkodran Mustafi.

Brasilien könnte damit sehr gut leben. Nur einen Fußball-Weltmeister Lionel Messi würden die Gastgeber Deutschland nie verzeihen.

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Tag 31: Belo Solbakken

Die Nacht, in der Brasilien weinte, ließ sogar Legenden paralysiert zurück.  „So etwas habe ich noch nie gesehen, so etwas hat es nicht gegeben“, sagte Hartmut Scherzer. Er muss es wissen, er hat seit 1958 von jeder Fußball-Weltmeisterschaft berichtete, hat also mehr WM-Spiele gesehen, als jeder andere Deutsche und sein erstes, 25 Jahre vor meiner Geburt. Kein schlechter Zeitzeuge also.

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In der Mixed Zone erzählte Mats Hummels später, er habe  zwischendurch befürchtet, in einem schönen Traum zu sein. Ich hatte eher das Gefühl, von einer Zeitmaschine in die Ära Solbakken meets 1. FC Köln geschickt worden zu sein. Systemausfälle wie den der Brasilianer hatte ich in dieser Zeit fast wöchentlich erlebt, allerdings fand der ewig scherzende Norweger das Ganze lustiger als die Brasilianer um mich herum und vor allem Nationaltrainer Scolari, der vom schlimmsten und peinlichsten Moment seiner Karriere sprach.

Er hatte Recht damit. Vor allem das völlig überzogene Neymar-Gejammer war völlig daneben. In ganz Brasilien ging es nach dem Viertelfinale nur um den Superstar, Fernsehen und Zeitungen berichteten in der Endlos-Schleife: Neymar winkt aus dem Heli, Neymar grüßt per verheulter Video-Botschaft, Neymar isst einen Apfel.

Als die Spieler der Selecao dann auch noch mit Neymar-Grußkappen das Stadion betraten und während der eindrucksvoll gesungenen Nationalhymne ein Trikot mit der Nummer 10 hochhielten,  war schnell klar: Wer ewig zurückblickt, kommt nicht nach vorn.

Dass Deutschland nach 29 Minuten 5:0 führte war natürlich dennoch nicht abzusehen, aber für mich persönlich ganz okay. Ich merkte trotz der Irrealität und der Sollbakken-Sorge schon recht früh, dass ich hier gerade Historisches erlebte. Allerdings hielten sich meine Bekannten in Deutschland erst einmal mit Glückwünschen zurück, tiefe Sorge dominierte den Nachrichtenfluss: Mails wie „Pass gut auf dich auf“, „Mach, dass du da Heil rauskommst“ und „Ich hoffe, du überstehst das Alles unverletzt“ erreichten mich. Tatsächlich gab es einige Momente, in denen das Stadion zu brodeln begann. Man konnte sich ja auch nicht vorstellen, was nach dem Abpfiff im Stadion und drum herum passieren  würde, weil es so etwas noch nie gegeben hatte. Außer beim Solbakken-FC vielleicht, aber diese Zeit stand fantechnisch nicht unbedingt für den Weltfrieden.

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In Belo Horizonte blieb aber alles ruhig, die Brasilianer zogen sich traumatisiert in Häuser und Bars zurück. Nur in Sao Paulo brannten acht Reisebusse aus. Ich war ehrlich gesagt dennoch recht froh, dass das Spiel im friedlichen Belo Horizonte stattgefunden hatte und nicht in Salvador, Rio de Janeiro oder eben Sao Paulo.

Dass es nun aber zurück nach Rio geht, ins Maracana, zum WM-Finale, ist fantastisch und noch immer kaum zu realisieren. Noch weniger, als das 7:1 von Belo Horizonte.

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