Archiv für den Tag: Juli 9, 2014

Tag 30: Die nächste Ebene

Mit der Ankunft in Belo Horizonte erreichte meine erste WM eine neue Ebene. Ich realisierte langsam, dass ich zum am nächsten Tag das Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien im Stadion erleben, und damit eine der beiden Mannschaften im Endspiel von Maracana wiedersehen werde. In Belo Horizonte, einer einigermaßen europäisch wirkenden und wunderbar hügeligen Stadt, dreht sich alles um das Halbfinale. Aufgrund des Massenandrangs wurden am Dienstag die meisten Bürger in den Zwangsurlaub geschickt: Der Berufsverkehr hätte im Zusammenspiel für einen kompletten Stillstand im Zentrum gesorgt. Es gibt keine Zeitung, deren Titelseite nicht mit Brasiliens neuer Hoffnung David Luiz bedruckt ist, das vorgezogene Finale hält die Stadt in Atem.

Ich benötigte einige Stunden, um von Flughafen in mein Hotel zu kommen. Das war nicht weiter schlimm, da ich aus dem Autofenster interessante Einblicke in die Stadt bekam, die von den Küsten-Brasilianern aufgrund der Strand- und Meerlosigkeit etwas belächelt wird. In Belo Horizonte, dem schönen Horizont – kümmert das die Leute nicht, sie beziehen ihr Selbstvertrauen aus einem, sich selbst verliehenen Titel: Brasiliens Hauptstadt der Bars.

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Es bleibt abzuwarten, ob die Kneipen nach dem Spiel von den Brasilianern zum Frusttrinken oder für Jubelfeiern genutzt werden. Ich kann mir jedenfalls noch nicht vorstellen, wie im Gastgeberland auf ein Ausscheiden reagiert werden würde. Der Zusammenhalt ist nach Neymars Verletzung enorm, selbst WM-kritische Bekannte von mir haben sich mittlerweile vollständig auf die WM eingelassen und zittern vor dem Spiel gegen Deutschland.

Das DFB-Team gilt dabei aber keinesfalls als Feind, ich glaube sogar, dass viele Brasilianer im Falle einer Niederlage dennoch der deutschen Mannschaft den Titel wünschen würden. Allein Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger haben durch ihre Trikot-Posts und Sympathiebekundungen für Brasilien auf ihren Facebook-Seiten eine unglaubliche Beliebtheit im Gastgeberland erobert – auch wenn hier niemand die Namen der beiden auch nur ansatzweise aussprechen könnte.

Zudem plagt viele Brasilianer glaube ich ein schlechtes Gewissen nach all der Häme, mit der sie deutsche Mannschaften früher aufgrund der Holzfüßigkeit und dem Hang zum Foulspiel bedacht haben. Mittlerweile, angesichts des Schönspielermangels, hat man sich hier mit dem Ultimate-Fighting-Fußball ganz gut arrangiert und blickt ein wenig neidisch auf die deutschen Ästheten.
Mein Taxifahrer meinte sogar zu mir, er würde sich schämen, Deutschland mit diesem Fußball aus dem Turnier zu werfen.

Ich bin mir aber recht sicher, dass er seine Meinung nach dem Finaleinzug doch noch einmal überdenken würde.

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Tag 29: Rolf

Es hatte zwar drei Wochen gedauert, aber am Samstag habe ich mich doch noch mit Rolf getroffen. Rolf kommt aus Köln, arbeitet für den WDR im Camp der deutschen Nationalmannschaft und hat mit mir gelegentlich auf der Jahnwiese gekickt. Der Hauptgrund für unsere lange geplante Verabredung war aber das FC-Blog-Buch meines Kollegen Christian Löer, das er mir für Rolf mitgegeben hatte, da es bei Rolfs Abreise aus Köln noch nicht erschienen war.

Rolf ist ohne Zweifel als FC-Fan zu bezeichnen, nicht zuletzt, da er an einem Container im deutschen Pressehotel die wohl größte FC-Fahne außerhalb Europas angebracht hat und so vor zwei Wochen eine beachtliche mediale Präsenz erreichte und auf der Facebook-Seite von Lukas Podolski fast 25 000 Likes erntete. So war Rolf sehr glücklich, als ich ihm endlich ein bisschen Heimatlektüre vorbeibrachte. Wir erzählten ein bisschen, als Rolf einfiel, dass am Abend wohl Fußball gespielt werde. Wo, wann und mit wem stand zwar noch nicht fest, aber ein paar Techniker, Cutter und sonstige Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hatten sich mit ein paar Einheimischen lose verabredet. Irgendwann, irgendwo, irgendwie.

Ich sagte zu, und am Abend stand Rolf plötzlich abfahrbereit vor meiner Pousada. Uhrzeit, Platz und Teams waren noch immer unklar, aber in zwei Autos fuhren wir zur Fähre, setzten über und ließen uns überraschen. Auf der anderen Seite wurden wir abgeholt und zum Platz begleitet: Durch dunkle Straßen ging es hinauf in ein Dorf, in dem jedes zweite Haus eine Kirche unterschiedlichster Ausprägung zu sein schien. Nach wenigen Minuten erreichten wir aber den Sportplatz, ich war beeindruckt: Inmitten einer kleinen Arena mit winzigen Tribünen lag ein Sandplatz vor mir, auf dem sich einige Brasilianer schon einmal warmschossen.

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Es wurden gemischte Mannschaften gewählt, dann ging es los: Ohne Schuhe, aber mit großem Spaß. Da Rolf in der Abwehr eine Mischung aus Matthias Sammer und Jürgen Kohler ist, ich einen meiner besseren Tage im Angriff erlebte und wir – vor allem – den spektakulärsten brasilianischen Fußballer nach Neymar in unserer Mannschaft hatten, feierten wir einen fulminanten Sieg. Der einsetzende und das Spielfeld glättende Regen hatte uns dabei eher nicht geschadet.

Auf dem Rückweg bot mir Rolf an, mich in der Nacht zum Flughafen nach Porto Seguro zu fahren. Mein Mietwagen hatte wenig Sprit, daran änderte auch die 1,5 Liter Flasche Benzin nichts, die ich mir am Straßenrand noch besorgt hatte.
Ohnehin hatte ich eine heikle Fahrt vor mir: Mein Flieger hob um 5.15 Uhr ab, die erste Fähre ging aber erst um vier Uhr in der Nacht. Ich nahm Rolfs Angebot dankend an und wir verabredeten uns für den nächtlichen Roadtrip ins 35 Kilometer entfernte Porto Seguro.

Es war ein großer Spaß, begleitet von einem hohen Puls. Die Fähre legte ein wenig zu spät ab, erst um 4.15 Uhr fuhren wir vom Anleger am anderen Ufer ab, um uns die von Bremshügel gepflasterte Strecke zum Flughafen zu stürzen. Zumindest hatten wir eine klare Aufteilung: Rolf gab Gas, ich versuchte die in Brasilien als „Stoßstangenbrecher“ bezeichneten Sprungschanzen frühzeitig zu erspähen.

Wir ergänzten uns gut: Um 4.45 Uhr erreichten wir den Flughafen. Ich checkte ein, passierte die Sicherheitskontrolle und spazierte sogleich – als einer der letzten Passagiere – durch in den Flieger. Dort hatte ich auf dem Weg nach Belo Horizonte Zeit, mich auf das vorzubereiten, was mich erwarten würde: Das Halbfinale Deutschland gegen Brasilien.

Ich bin Rolf sehr dankbar, dass ich den Flieger nicht verpasst hatte.

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