Archiv für den Tag: Juli 3, 2014

Tag 26: Planierraupe

Die Rückreise aus Porto Alegre erwies sich wieder einmal als eher kompliziert. Wir kamen nachts am Flughafen in Porto Seguro an und – naja – rasten – zur Fähre, um das Boot um 3.30 Uhr zu bekommen. Wir erreichten den kleinen Anleger um 3.37 Uhr und mussten somit knapp eine Stunde warten, um mit dem Boot nach Santo André zu gelangen. Als ich in meiner Pousada ankam, war ich seit mittlerweile 24 Stunden wach. Ich schlief sofort ein, allerdings dauerte diese Periode etwas kürzer als der vorangegangene Trip.Nach drei Stunden saß ich aufrecht in meinem Bett. Etwas, das vom Lärmpegel mindestens ein Propeller-betriebener Flugmähdrescher sein musste, hatte mich geweckt.

Trotz mehrmaliger verzweifelter Versuche konnte ich nicht mehr einschlafen. Der stetige Wechsel zwischen unfassbarem Krach, Hoffnung auf ein Ende des Lärmterrors schürender Stille und neuerlichem Getöse hatte mich entnervt und besiegt. Ich ging nach unten, öffnete die Tür und sah ein riesiges Ungetüm, das sich als Planierfahrzeug herausstellen sollte und von einem lässigen Typ in Surfershorts und Unterhemd vor unserer Hütte vor- und zurückgefahren wurde.

Irgendjemand war auf die Idee gekommen, die Löcher in der Sandstraße aufzufüllen und den Weg danach mit einem Hochhaus-großen Ungetüm platt zu walzen. Eine honorige und sinnvolle Sache, die mich am frühen Dienstagmorgen allerdings verzweifeln ließ.

Ich machte mich also gleich wieder an die Arbeit. Während ich schrieb und die Lobeshymnen der Nationalspieler auf Manuel Neuer vom Band hörte, wurde mir klar, dass der Torhüter eigentlich ein geeigneter Ersatz für den verletzten Mustafi im neuen deutschen Lattenzaun ist: Er ist groß, bewiesenermaßen Zweikampfstark, vermutlich extrem Kopfballstark und – vielleicht ein weiteres wichtiges Argument – kein gelernter Außenverteidiger.

Als ich meine Arbeit beendet hatte, hielt der Tag eine freudige Überraschung für mich bereit. Ein Kollege hatte mit seinem Vermieter ein Fußballspiel verabredet. Ein paar andere Journalisten und ich trafen uns also am Nachmittag, um gegen ein paar Dorfbewohner anzutreten.Als wir den Platz erreichten, bestaunten wir aber erst einmal das Feld: Zwischen zwei großen Toren ohne Netze befand sich eine Mischung aus Sand und Gestrüpp. In der Mitte des schrägen und auch schräg angelegten Platzes stand ein Baum.

Die Fußballer störte das nicht, sie störte generell überhaupt nichts, es hätte kaum klischeehafter sein können: Der Ball war platt, manche spielten barfuß, andere mit Turnschuhen, weitere mit Fußballschuhen.Ein Brasilianer mit Luis-Gustavo-Schnurrbart rauchte einen Joint. Es war die unwirklichste Anlage, auf der ich jemals gespielt hatte – abgesehen von einem Match im bolivianischen Amazonas, bei dem das Feld zur Hälfte unter Wasser stand und ich – es stimmt wirklich – nach dem Spiel eine Baby-Tarantel aus meinem Gummistiefel goss.

Gefährliche Tiere gab es in Santo André nicht, die Scharen von Vögeln sorgten aber für eine standesgemäße Geräuschkulisse.Wir wurden in verschiedene Teams eingeteilt, die Regeln waren klar: Jedes Spiel ging sieben Minuten oder bis die erste Mannschaft zwei Tore erzielt hatte. Der Gewinner durfte weiterspielen.

Wir spielten nicht oft.

Tag 25: Porto Algerien

Das Achtelfinale gegen Algerien begann für mich schon zwölf Stunden früher. Mitten in der Nacht war ich mit dem Journalisten-Tross in Santo André aufgebrochen und per Charterflug nach nach Porto Alegre geflogen. Um 11 Uhr morgens landeten wir in der südlichsten Großstadt Brasiliens, wobei die rund 2000 Kilometer lange Reise kein klassischer Trip in den Süden war. In Porto Alegre ist sehr europäisch geprägt, vom Stadtzentrum über die Bewohner bis hin zu den Temperaturen. Und da es in Brasilien gerade Winter ist, war es kalt.Sehr kalt, bei der Ankunft zeigte das Thermometer 13 Grad an. Gepaart mit böigem Wind und Nieselregen fühlte ich mich der Heimat sehr nah.

Auch die Kollegen, wobei die gefühlte Heimatnähe nicht unbedingt Frohsinn und Glückseligkeit verursachte. „Toll, hier sieht‘s aus wie im Sommer in Hamburg“, sagte Einer. „Mensch, das ist ja Ungarn im Frühling“ ein Anderer. Ich erweiterte die Weltstädtigkeit Porto Alegres um Argentinien, meiner Meinung nach sieht Porto Alegre genauso hübsch verbaut aus wie Teile meiner Lieblingsstadt Buenos Aires. Nicht die schönsten Ecken, das sei ausdrücklich betont. Jedenfalls müssen es die Bewohner der 1,5-Millionen-Stadt als Hohn und Spott empfinden, wenn im Ausland Brasilien permanent mit Strand, Caipirinha und Samba-Schönheiten beworben wird.

Ich fühlte mich an das mich nervende Deutschland-Image erinnert: Lederhose, Lederhose, Lederhose. In diesem Moment hielt sich mein Mitgefühl für die Bürger Porto Alegres wieder in Grenzen. Ich würde einiges dafür geben, im Ausland mit von Palmen umgebenen Traumstränden in Zusammenhang gebracht zu werden, anstatt mit Schuhplattler tanzenden Trachtenfetischisten.

Porto Alegre wirkte aber deutlich weiter entfernt, als Köln von Bayern. So hatte ich es geschafft, durch einen einzigen Strandtag und mit einer um maximal zwei Nuancen verdunkelter Haut brauner zu sein, als nahezu jeder Einheimische, der mir auf dem Weg ins Stadion begegnete. Von der Stadt, die übersetzt fröhlicher Hafen heißt und mit der „höchsten Lebensqualität Lateinamerikas“ beworben wird, hatte ich mir doch etwas mehr versprochen.

Erst als ich mich langsam dem Stadion näherte, wurde es bunter und – doch noch – fröhlicher. Überraschend viele Algerier verwandelten die Stadt in Porto Algerien und boten den deutschen WM-Fans auch lautstark Paroli.Das war gar nicht so leicht, denn zahlreiche deutsche Auswanderer aus benachbarten deutsch geprägten Dörfern – davon gibt es im südlichen Brasilien sehr viele – hatten sich in riesigen Bus-Kolonnen nach Porto Alegre begeben, um das (frühere) Heimatland zu unterstützen. Als sie vor mir ausstiegen, bot sich ein verwirrendes Bild: Dutzende portugiesisch sprechende Männer in Lederhosen, Filzhüten und karierten Hemden versammelten sich in einem Halbkreis – und spielten Blasmusik, die sie mit deutschen Gesängen unterlegten.

Das Mitgefühl kehrte zurück, Porto Alegre hat es schwer getroffen.Die Stadt hat nichts brasilianisch-typisches abbekommen – dafür im Umland aber Horden von Klischee-Deutschen erhalten, die so nicht einmal mehr in Bayern existieren.

Noch größere Sorgen machte ich mir aber um die Algerier, die in einer brasilianischen Stadt mit ungarisch-hamburgerisch-argentinischem Flair erst auf Brasilianer trafen, die aussahen wie blasse Deutsche und danach auf Menschen, die aussahen wie typische Deutsche, aber als Hinterwäldler verkleidete Brasilianer waren.

Dann fiel mir ein, dass auch viele algerische Spieler in Wahrheit ja Franzosen sind. Ich war im Gedankengefängnis angelangt, es war Zeit für die Schlichtheit des Fußballs: Zwei Mannschaften, ein Ball, sechs Innenverteidiger.