Archiv für den Tag: Juni 18, 2014

Tag 12: Gisela

Nachdem der Vorabend mit den Höhnern und Reiner Calmund geendet hatte, begann auch der Morgen mit einer deutschen Begegnung. Ich saß an einem winzigen Tisch im kleinen Frühstückspause meines Hotels, als ich mitbekam, wie sich am Nachbartisch über den schlechten Service, das fehlende Essen und den “Brasilianer an sich” geschimpft wurde. Das Hotelpersonal war dem Gäste-Ansturm nicht gewachsen und hatte Probleme, Brötchen, Aufschnitt und Kaffee nachzuliefern, war aber sehr bemüht und bat an jedem einzelnen Tisch um Verzeihung.
Während der Tenor an den anderen Tischen in etwa ein “kein Problem, bloß kein Stress” war, echauffierten sich Gisela – der Name stand zumindest auf ihrem Deutschland-Trikot – und ihr Begleiter. So erfuhr ich einiges über den “Brasilianer an sich”. Beispielsweise, dass “der Brasilianer an sich” ja nunmal keine Ordnung habe, dass der Zustand am Buffet typisch für den “Brasilianer an sich” sein und zum Abschluss: “Was soll man von den Brasilianern denn auch schon erwarten?!”
Meine Überlegungen, ob es überhaupt Sinn mache, mit den beiden Welterklärern zu diskutieren, beendete Gisela durch eine beherzte Aktion. Als drei Brötchen in den Korb auf dem Buffet nachgeliefert worden, sprang sie auf, nahm alle Drei und verteilte sie auf ihre Teller: 2 für sie, 1 für ihren Begleiter. Noch ungläubiger als ich starrte ein älterer an Giselas Tisch sitzender Portugiese, der im Gegensatz zu dem deutschen Duo noch Käse und Schinken auf seinem Teller hatte und ebenfalls auf frische Brötchen wartete. So saßen nun handlungsunfähig Gisela vor ihren zwei Brötchen, ihr Begleiter vor einem und der Portugiese vor seiner Käse-Wurst-Kombination und schauten auf ihre Teller. Auch die anderen internationalen Gäste hatten die Szene mitbekommen und schärften nun vermutlich ihr Bild des “Deutschen an sich”, Gisela hatte im Gegensatz zum Nationalteam nicht unbedingt eine Welle der Begeisterung ausgelöst.

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Ich verabschiede mich freundlich und wünschte mit auf die mit Brötchen beladenen Teller gerichteten Blick einen guten Appetit und machte mich auf zum Flughafen, von wo aus die Reise zurück nach Santo André führte. Ich musste noch zwei Texte in die Redaktion schicken, so schrieb ich im Flugzeug, im Leihwagen im Stau vor der Fähre und auf der Fähre, die mich sicher nach Santo André brachte. Nachdem ich meinen Koffer in meiner Pousada abgegeben und den ersten Artikel nach Köln geschickt hatte, musste ich gleich wieder los zum Training der Nationalmannschaft. Ich setzte mich ins Auto, drehte den Zündschlüssel – und es geschah nichts. Als ich die Motorhaube öffnete sah ich, dass sämtliche die Batterie anschließenden Kabel in der Luft hingen. Ich fragte Carlos, den Angestellten der Pousada, um Rat. Er holte einen Werkzeugkoffer, lachte beherzt beim Anblick des Chaos unter der Motorhaube und reparierte den Wagen in wenigen Minuten. So schaffte ich es noch pünktlich zur Trainingseinheit. Auf dem Weg dorthin dachte ich an Gisela und “den Brasilianer an sich”. So wie Carlos halt.

Tag 11: Die Höhner rocken am Zuckerhut

Ich saß nach der furiosen Müller-Gala noch im Presseraum und schrieb, als plötzlich ein Mann neben mir auftauchte, mich anstarrte und hemmungslos losheulte. Einigermaßen irritiert
unterbrach ich meine Arbeit und fragte, ob ich etwas für ihn tun konnte. Ich vermutete, es handele sich um einen schwer enttäuschten portugiesischen Kollegen, nachdem ich an gleicher Stelle ja schon spanische Tränen gesehen habe. Doch ich lag falsch. Der Mann Mitte 40 war Rumäne. Das konnte ich auf seiner Akkreditierung lesen, die um seinen Hals baumelte, während er schluchzte. Als er sich irgendwann einigermaßen gefasst hatte und wir ihn besorgt fragten, was denn passiert sei, stammelte er etwas Unverständliches und zeigte auf einen kleinen Laptop, der am Platz neben mir lag. “Oh God, this is all my life”, sagte er und drückte ihn fest an sich. Das war passiert: Berauscht vom deutschen Spiel hatte er die Arena verlassen, war ins Hotel gefahren, wo er seine Familie anrufen und vom spektakulären Müller erzählen wollte. Als er seine Tasche öffnete, fand er viele Kabel und einige bekritzelte Zettel. Nur der Laptop fehlte. Panisch war er zurück zur Arena gefahren. Dann vom Taxistand bis zum Presseraum gelaufen, wo er seinen Laptop unberührt auf dem Platz neben mir vorfand – und vor Erleichterung einen Heulkrampf bekam.

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Wir schafften, es ihn einigermaßen zu beruhigen. Jeder der Kollegen war überzeugt, dass der Verlust des Laptops während einer WM verheerend sei. Vor allem, wenn man ihn einfach vergisst und so somit seinen gesamten Datenspeicher auf Null reduziert.
Aber der rumänische Kollege hatte ja noch einmal Glück gehabt und verließ die Arena glücklicher, als etwa Thomas Müller. Der neue alte deutsche Wunderspieler hatte seiner Gala einen witzigen Auftritt folgen lassen, und unter anderem seine Tore als “eins schöner als das andere” beschrieben. Die ausländischen Kollegen waren begeistert, ich glaube sie verehren Thomas Müller, der seine Karriere wohl als viermaliger WM-Torschützenkönig beenden wird.

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Als ich meinen Artikel in die Redaktion geschickt hatte, fuhr auch nach Hause. Mit meinem Laptop. Ich legte ihn in mein Zimmer und fuhr zu einer großen Hotel-Anlage, in die mich ein bekannter aus Köln eingeladen hatte, der mit einer deutschen Reisegruppe nach Salvador geflogen war.
Als ich ankam erlebte ich die verdutzten Momente zwei und drei an diesem Tag. #2 erfolgte, weil auf der Fußball-WM-Brasilien-Reise kein Fußball und schon gar keine WM gezeigt wurde. Auf der großen Bühne sangen dafür -Moment  #3 – die Höhner im Duett mit Reiner Calmund.

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