Archiv für den Tag: Juni 11, 2014

Tag 6: Proteste

Eigentlich hätte ich etwas Baldrian und einige Mußestunden benötigt, um nach dem Absenden meines Artikels meine Herzfrequenz auf ein Level unterhalb der Lebensgefahr zu senken. Pünktlich zum Redaktionsschluss und zum vereinbarten Sende-Zeitpunkt meines Artikels hatte sich hier in Santo André das Internet für eine spontane Pause entschieden.
Das hinterhältige am brasilianischen Internet ist, dass der Empfang abbricht, das Signal aber weiterhin volle Stärke anzeigt. Noch Problematischer, etwas nicht ganz so gewitzt, ist das Telefon-Netz, das bis auf wenige Nanosekunden am Tag grundsätzlich nie funktioniert – aber natürlich 24 Stunden lang vollen Empfang anzeigt. Ich habe mit vor dem Abflug extra eine brasilianische SIM-Karte mit Datenpaket besorgt, um stets für die Redaktion erreichbar zu sein, und in Notfällen einen persönlichen Hotspot errichten zu können, um meinen Laptop mit der Außenwelt zu verbinden. Exakt also für eine Situation wie die heutige.
Der eigentlich ganz gute Plan scheitert aber grundsätzlich daran, dass ich mit der brasilianischen Nummer ja nicht einmal telefonieren oder SMS schicken kann.
So saß ich nach einem langen Tag also mit meinem Laptop, meinem iPad, meinem brasilianischen und meinem deutschen Telefon in meiner Pousada und verbrachte eine halbe Stunde damit, Antennenkonstruktionen zu entwerfen, den Router 64 000 Mal ein- und auszuschalten und vor allem zu fluchen.
Irgendwann hat es dann doch noch geklappt. Bling! Signal wieder da. Herzlichen Glückwunsch.
Danke. Pause. Als ich mich gerade zurücklehnen wollte, erreichte mich die Nachricht über einen interessanten Termin: Am Abend wollten sich die Bewohner Santo Andrés mit den Kommandeuren der hier stationierten Spezialeinheiten treffen, um sich über die massiven Einschränkungen und die surreale Präsenz der Truppen zu beschweren.

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In der Tat wirkt das kleine Nest wie die Kulisse eine Echtzeit-Ballerspiels. Auf den Sandwegen laufen uniformierte Soldaten mit Sturmgewehren umher, Autokonvois schießen mit Blaulicht durchs Dorf und an verschiedenen Checkpointen wird einem der Durchgang verweigert – es sei denn, man hat seine Fifa-Akkreditierung dabei, was bei den Bewohnern nun einmal eher nie der Fall ist.
Ich fand mich wenig später also in einer kleinen Hütte ein und bestaunte die Szenerie. An einem Tisch saßen ein örtlicher Polizeichef und ein Spezialeinheiten-Kommandeur, die mit rund 100 Anwohnern die Probleme diskutierten: Viele Menschen haben Angst, dass die Truppen mit ihren Geländewagen auf der Straße spielende Kinder überfahren, weil sie durchs Dorf rasen, um die Fähre zu bekommen. Menschen, die direkt am deutschen Camp wohnen beschwerten sich zudem, dass sie oft erst nach Stunden durchgelassen werden, um ihre Häuser zu erreichen und Besuch überhaupt nicht zu ihnen durchdringen darf. Unverständnis herrscht auch über die Vielzahl der Beamten. Während im früher polizeifreien Santo André 250 Beamten stationiert sind, verlieren sich vor dem naheliegenden Schweizer Quartier nur ein paar wenige Polizisten.

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Der im Tarnanzug und mit schusssicherer Weste am Tisch sitzende Oberbefehlshaber gab sich Mühe, seine Sicht zu erklären. Man habe Angst vor Autobomben, nun einmal große Stars mit entsprechendem Gefährdungspotenzial hier und wolle die Bürger doch eigentlich gar nicht beeinträchtigten. Eine sensationelle Aussage, immerhin hat sich das Anwohner-Militär-Verhältnis innerhalb weniger Tage von 900:0 auf 900:300 verschoben. Dann erzählte er viel über sein Traumfinale zwischen Brasilien und Deutschland, über Klubs wie Real Madrid und den FC Arsenal und bei den Bewohnern verfestigte sich der Eindruck, dass sie ihre Probleme auch dem großen Fischgräten-Denkmal am Ortseingang hätten erzählen können. Am Ende wurde beschlossen, dass – soweit es möglich ist – es bisschen mehr Rücksicht genommen werden soll. Zudem wurde eine Liste für Anwohner der deutschen Camps angefertigt, die die von brasilianischen Medien als „neue Berliner Mauer“ bezeichnete Absperrung schneller passieren dürfen.
Die von Fifa und DFB immer wieder betonte Nachhaltigkeit wird aber auch Santo André nach dem Ende der WM beglücken: Zum ersten Mal in der Geschichte des Dorfes wird ein Polizist in Santo André stationiert.
Ich habe allerdings so meine Zweifel, ob hier darüber alle Menschen wirklich glücklich sind.

Aber vielleicht sorgt die Ein-Mann-Armee ja dafür, dass Santo André einen neuen Antennenmast bekommt. Oder geht mangels Beschäftigung auf Moskito-Jagd.
Krämer Ende.

 

 

Tag 5: Smartphone-Indianer und Dengue-Mücken

Während der Arbeitsalltag in Santo André immer intensiver und die Vorfreude auf den Turnierstart immer größer wird, ist der Nachrichtenfluss aus der Heimat fast zum Erliegen gekommen. Über eine sehr austauschfreudige what’s-App-Gruppe werde ich zumindest über lokale Ereignisse wie Sturm, Birlikte und Yannick Gerhardt informiert, der Rest der fußballfreien Welt lebt nahezu kontaktlos an mir vorbei. So habe ich beispielsweise nur zufällig mitbekommen, dass ein Formel-1-Rennen stattgefunden hat und – sonst habe ich eigentlich gar nichts mitbekommen.
Der heutige Tag hier stand im Zeichen der Pataxo-Indianer, die vom DFB zum Training der Nationalmannschaft eingeladen wurde.
Bilder sagen mehr als tausend Worte, dessen bin ich mir ja spätestens seit dem Twitter-Bus-Bild bewusst. So ist die Aktion natürlich eine gute Sache für den DFB, am Ende wurde sogar getanzt und für Miroslav Klose anlässlich seines 36. Geburtstages gesungen. Eindruck haben die Pataxos auch hinterlassen, weil sie sich mit den die Journalisten eine Foto-Schlacht lieferten. Da sie technisch bestens ausgerüstet waren und es ein ungewohntes Bild war, von Menschen in Federhüten und Baströcken mit Hightech-Handys fotografiert zu werden, ist die Bezeichnung Smartphone-Indianer entstanden. Sie haben sich über uns viel zu warm angezogene Journalisten wahrscheinlich genauso gewundert. Und über Lukas Podolski, der sich nach dem Training als Fachmann für indigene Tänze herausstellte.

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Im Anschluss wurde aber eifrig darüber diskutiert wurde, ob Oliver Bierhoff und wir Journalisten die Pataxos als Indianer bezeichnen dürfen. Keine einfache Frage, die mangels alternativer Namen und mit Verweis auf die offizielle Namensgebung des Gebiets “Estatuto do Indio” abschließend bejaht wurde.
Durch die fünfstündige Zeitverschiebung bleibt nach den Terminen nur wenig Zeit, um die Redaktion mit Texten zu beliefern, was die Arbeit neben den wackligen Internetverbindungen erschwert.

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Das größte Problem – neben all den Vorzügen – sind aber die Mücken. Trotz Sprays haben sie meine Fußgelenke, Arme und Hände zerstochen. Ich habe hier mal aufgeschnappt, dass jede 500000. Mücke das in der Regel nicht lebensbedrohliche, aber höchst unangenehme Dengue-Fieber überträgt. Es fehlen nicht mehr viele Stiche, um rein statistisch gesehen an der Reihe zu sein – obwohl ich sogar unter einem Mückennetz schlafe.
Ich hatte schon einmal Sorgen vor einer Dengue-Erkrankung, als ich 2011 mit Freunden den Bali-Urlaub unterbrochen habe, um auf die fantastischen Gili-Islands überzusetzen – wie Bahia ein absolutes Dengue-Gebiet. Damals haben wir uns mit Dutzenden Dosen “Off”-Spray gegen die Mücken geschützt. Das Zeug bestand allerdings aus purer Chemie und war so giftig, dass irgendwann reihenweise tote Kakerlaken in und um unsere Hütte herum lagen.
Klingt in der Retroperspektive irgendwie auch nicht viel besser als Dengue, merke ich gerade.
Naja, Robin van Persie ist in Rio am Strand von einem Kite-Surfer erlegt worden. Gefahren lauern eben überall. Und wenns nicht besser wird, starte ich nen Gegenschlag.
Ich bin dann mal Off.

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