Archiv für den Monat: Juni 2014

Tag 23: Stress und Strass

Ich habe ja an dieser Stelle schon mehrfach über Strapazen und Schlaflosigkeit geschrieben. Natürlich weiß ich aber, dass vor allem meine Freunde der Ansicht sind, dass ich hier wochenlangen bezahlten Urlaub verbringe und nebenbei sogar ein paar WM-Spiele schauen kann. Schon okay, ich bin mit den Vorurteilen mittlerweile ja bestens vertraut und bin ja auch weit davon entfernt, mich ansatzweise über irgendetwas zu beklagen. Natürlich ist es für mich neben all dem Stress eine unglaublich tolle Erfahrung, hier sein zu können. Die WM in Brasilien kombiniert zwei meiner großen Leidenschaften: Fußball und Südamerika. Dass mir das viele Reisen, das nächtliche Arbeiten und die Hatz von Flughafen zu Fähre oder andersrum ab und an aber vielleicht doch mehr zusetzt, als meine Freunde denken und ich mit selbst zugestehe, habe ich am Samstag erfahren.

Nach der im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz mit Joachim Löw bekam ich einen Screenshot zugeschickt. Die Kamera hatte zu den Journalisten geschwenkt und mich ins Bild gerückt. In diesem Moment hatte ein Kumpel den Bildschirm abfotografiert und mir so einen Eindruck meiner selbst beschert. Schon der Name der Mail an mich verdutzte mich: „Nicht so traurig..!“ stand im Betreff. Ich öffnete das Foto und war in der Tat ein wenig verdutzt, ob meines ermatteten und – ja, traurigen – Gesichtsausdrucks. Ich hatte noch nie zuvor solche eine Leere in meinem Blick gesehen.

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Es ist zwar nur eine Momentaufnahme, ein wenig aussagekräftiger Sekundenbruchteil, doch ich habe mir danach etwas Ruhe verordnet.Das Ende der WM ist zwar absehbar, aber noch sind es zwei Wochen und vier Spiele. Am Montag fliege ich erstmals mit dem offiziellen Gruppenangebot zum DFB-Spiel. Morgens hin, nach der Partie zurück. Gute Sache, Porto Alegre ist schon weit weg, knapp 2000 Kilometer immerhin. Noch dazu liegen nur drei Tage zwischen dem USA- und dem Algerien-Spiel.

Vielleicht vermittelte die Kamera auch einen falschen Eindruck und filmte mich auf der Pressekonferenz in dem Moment, in dem ich mir das T-Shirt des Bundestrainers anschaute. Joachim Löw ist ja nun wirklich ein ausgesprochen stilvoller und stilbewusster Typ. Seine Outfits sind legendär und teilweise sensationell. Nicht einmal im Regen von Fortaleza setzte er eine schützende Kappe auf – Stilbrüche sind für den Bundestrainer wahrscheinlich noch schlimmer als Gegentore. Manche Medien kürten ihn deshalb zum Sieger im „Wet-T-Shirt-Contest“ mit dem Mütze tragenden Jürgen Klinsmann.

Am Samstag aber trat Löw in einem weißen Shirt mit albernem, überdimensionalem Strass-Wappen auf die Bühne. Er funkelte silbern im Licht der auf ihn gerichteten Scheinwerfer und sah nach schlimmer Dieter-Bohlen-Kleidung aus. Oder nach Slawomir Peszko in Las Vegas. Das Shirt verwirrte das Publikum so sehr, dass ein Journalist nach der Pressekonferenz zu Löw eilte und ihn fragte, ob es überhaupt vom offiziellen Ausrüster stamme. So wichtig war mir die Kleidung des Bundestrainers dann aber auch wieder nicht. Außerdem hatte ich Besseres zu tun: Schlafen.

Tag 22: Chaos!

Es ist schön, wieder in Santo Andre zu sein. Es war zwar erneut ein kleiner Abenteuertrip nötig, um aus Recife zu meiner Hütte zurückzukehren, im Gegensatz zu der wilden Reise vieler Kollegen war meine Tour aber ein Wellness-Trip.
Ein großer Tross deutscher Sportjournalisten hatte einen Flieger gebucht, der sie noch am Donnerstag nach dem Spiel gegen die USA zurück bringen sollte. Also stiegen sie nach der Partie in einen Shuttlebus, der sie zum etwa 13 Kilometer entfernten Flughafen bringen sollte. Nicht eingeplant war allerdings, dass der Bus aufgrund der überschwemmten Straßen mehr als vier Stunden benötigte. So verpassten sie ihren Flieger und stellten danach recht erschüttert fest, dass es in den nächsten Tagen unmöglich war, einen Flug nach Porto Seguro zu bekommen. Sie hingen in Recife fest. Nichts zu machen.

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Immerhin wurden sie für die Nacht im Hotel der Nationalelf untergebracht, was jedoch ein eher schwacher Trost war. Am Freitag loteten sie dann Möglichkeiten aus, irgendwie aus Recife wegzukommen, und entwickelten einen tollkühnen Plan: Mit einem Kleinbus fuhren sie 850 Kilometer nach Salvador, wo sie einen freien Flieger nach Porto Seguro gefunden hatten.

Es ist jetzt Samstagmorgen, die Gruppe ist noch immer nicht hier eingetroffen. Nach übereinstimmenden Journalistenberichten haben sie die Autofahrt aber überlebt und sogar in zwölf Stunden geschafft. Somit sollten sie nun bald, ungefähr 48 Stunden nach der geplanten Ankunft, wirklich in Santo Andre eintreffen. Eine andere Gruppe hängt aber wohl noch immer in Recife fest, aber da weiß ich nichts Genaueres.

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Ich bin den ganzen Problemen entgangen, da ich für die Vorrundenspiele eine Selbst-Flug-Buch-Taktik gewählt habe. Ausnahmsweise hat sie sich so einmal als kräfteschonender herausgestellt. Normalerweise ist es natürlich angenehmer, vor dem Spiel per Charter-Direktflug anzureisen und nach dem Spiel sofort wieder zurück.
Da die Nationalelf aber schon zwei Tage vor dem Spiel ihr Camp verlässt und es am Spielort einen Tag vor der Partie immer noch eine Pressekonferenz gibt, habe ich mich für die Selbstbucher-Variante entschieden – auch wenn sie mit den ja bereits geschilderten Nachtflügen verbunden und ziemlich anstrengend ist, wie ich gestehen muss. Aber so gibt es aktuelle Eindrücke und Berichte aus den Spielorten, deutlich mehr WM-Atmosphäre und eine nicht unerhebliche Kostenreduzierung.
Der unfreiwillige Roadtrip meiner Kollegen hat sich aber auch auf meine Rückreise ausgewirkt. Als ich am Freitag gegen 11 Uhr in Porto Seguro landete und in unserem zusammen gebuchten Mietwagen nach Santo Andre fahren wollte, stellte ich fest, dass ich zwar ein Auto, aber keinen Autoschlüssel hatte. So in etwa muss sich der Mann an Giselas Frühstückstisch in Salvador gefühlt haben, als er zwar Käse und Schinken hatte, aber durch Giselas „Operation: Brötchenbunker“ nicht mehr viel damit anfangen konnte.

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Jedenfalls war mein Autoschlüssel in irgendeinem Koffer am Flughafen in Recife. Da ich die Strecke von 35 Kilometer nicht komplett mit dem Taxi fahren wollte, suchte ich nach einem Plan B – und traf zwei Jungs vom FC-Bayern-TV. Zwei sensationelle Typen, die den WM-Teilnehmern des FC Bayern hinterher reisen und gerade Dante besucht hatten. Sie nahmen mich mit zu ihrem Hotel, von wo ich ein wesentlich günstigeres Taxi zur Fähre nahm. Da die Fähre gerade dabei war, abzulegen, und ich große Sehnsucht nach meinem Bett hatte, sprang ich aus dem Auto und stürzte mich auf das Boot. Mein Glücksgefühl hielt nicht einmal eine Nanosekunde. Denn als ich mich gerade für meine Abenteurer-Qualitäten feiern wollte stellte ich fest, dass ich zwar auf der Fähre war, mein Koffer aber noch im Taxi, was gerade losrollte, um zurückzufahren. Sprint. Schrei. Glück. Kofferraum öffnen. Spint zurück. Abfahrt. Atmen.

Da es auf dem Weg von der Fähre nach Santo Andre kein Taxi gibt, fuhr ich per Anhalter. Lange nicht mehr gemacht, aber noch immer ein probates Mittel.
Ich habe erst einmal fünf Stunden geschlafen, als ich mittags in meiner Pousada ankam. Und mich gefreut, als mich beim Aufstehen mein Koffer anlächelte. Das hat er, ganz sicher.

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Tag 21: Raincife

Mein Bett ist gestern auf Wanderung gegangen. Als ich früh morgens meine Pousada verließ, stand es vor dem Fenster. Als ich abends zurückkam, stand es unter dem Fernseher, auf den ich deshalb nicht mehr gucken konnte. Ich bin aber weder verwundert noch erbost darüber. Ich hätte es vielmehr gar nicht für möglich gehalten, auch meine zweite Nacht in Recife in diesem Bett zu verbringen.

Es hatte reingeregnet. Durch die Decke. Es tropfte erst langsam, dann aber schnell sehr ergiebig auf mein Bett, durchnässte die Matratze und bildete große Kreise. Da ich den Shuttlebus zum Stadion bekommen musste, blieb mir nichts anderes übrig, als den Besitzern der Pousada noch schnell den Zimmerschlüssel zu überreichen und ihnen zu erklären, dass mein Zimmer samt Koffer wohl in weniger als einer halben Stunde zu einem stattlichen Aquarium verkommen würde. Vorausgesetzt, die Decke würde nicht komplett zusammenbrechen.

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Auf meiner anschließenden mehr als zweistündigen Odyssee durch die Wasserstraßen von Recife hatte ich große Sorgen um mein Zimmer – und um die Menschen da draußen, deren Häuser völlig überschwemmt waren. Es hatte seit dem Vorabend durchgeregnet und hörte einfach nicht auf. Es ist mir immer noch unerklärlich und ein mittleres Wunder, dass das Spiel unter ziemlich normalen Bedingungen stattfinden konnte. Große Teile Recifes standen komplett unter Wasser, von unserem meterhohen Shuttlebus konnte ich durchs Wasser watende Menschen sehen, manche rollten mit ihren Motorrädern mutig durch die Fluten, andere warteten auf kleinen Erhöhungen auf das Ende des Regens. Es glich dem Warten auf Godot, wenn man so aus dem Fenster schaute.

Mich überraschte jedoch der relativ lockere Umgang mit dem katastrophalen Ausmaß. Klar, im Winter sind die Menschen hier Regengüsse gewohnt, aber ein ähnlicher Zustand hätte in Deutschland längst das Technische Hilfswerk und die Bundeswehr auf den Plan gerufen.

Auch der komplette Verkehr stand still, da einige wichtige Zufahrtsstraßen nicht mehr passierbar waren. Irgendwann reifte die Erkenntnis, dass es keineswegs sicher war, rechtzeitig am Stadion anzukommen. Meldungen über eine angebliche Verschiebung des Spiels tröpfelten über Twitter und Facebook in den Bus – und steigerten die Laune einiger Insassen, die schon bei der Fifa versucht hatten, Polizeischutz anzufordern.

Für Sportjournalisten – während eine ganze Stadt im Wasser und vor allem im Chaos versinkt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich mich kurz mit dem Gedanken anfreundete, wie wir alle mit einem großen Apache-Hubschrauber vom Dach des Busses geholt und ins Stadion geflogen werden. Hätte was gehabt. Zumal ja auch der DFB in Brasilien ungemein Hubschrauber-affin ist und immer mal wieder Spieler hin und her fliegt.

Naja, wir kamen auch mit unserem Wasserbus natürlich wieder irgendwie pünktlich im Stadion an. Allerdings verzögerte sich auch die Rückreise, da die USA alle Abfahrtswege hatten Sperren lassen, bis der Mannschaftsbus von einer großen Polizeieskorte begleitet das Stadion verließ. Dass das ganze drei Stunden dauerte, hatten sich selbst die Offiziellen nicht ausgemalt.

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Immerhin blieb den Besitzern meiner Pousada so mehr Zeit, mein Zimmer wieder herzurichten. Ich bin mir nicht sicher, was genau in den Stunden meiner Abwesenheit passierte und habe auch nicht danach gefragt. Auf jeden Fall hatten sie die Löcher in der Decke gestopft und weiß überstrichen. Und mein Bett flugs an das andere Ende des Zimmers geschoben, wo es jetzt den Zugriff auf den Kühlschrank ebenso versperrte wie den Blick auf den Fernseher. Doch das war mir alles ziemlich egal. Ich fiel ins trockene Bett. Raincife hatte mich nicht besiegt.

Tag 20: Haialarm in Recife

Leider hielt der zweite Teil meiner Reise von Porto André über Sao Paulo nach Recife noch ein Erlebnis bereit, auf das ich lieber verzichtet hätte. Als der Flieger abhob und dich mich gerade in den Sitz faltete, brach eine vier Reihen vor mir eine ältere Frau zusammen. Erst eilten hektisch die Flugbegleiterinnen heran, dann wurde per Durchsage gefragt, ob ein Arzt an Bord sei. Zwei Männer – einer saß direkt vor mir -  meldeten sich und versorgten die frau sogleich. Anfangs hatte ich noch das Gefühl gehabt, sie habe vielleicht nur einen Kreislaufkollaps erlitten, doch die Ärzte kümmerten sich die vollen drei Stunden Flugzeit um sie. Frau und Tochter des einen Arztes schauten ziemlich besorgt drein, als sie sahen, was ihr Mann bzw Vater nun machte, anstatt neben ihnen im Flieger zu dösen:  Er setzte der Dame zuerst eine an eine kleine Sauerstoffflasche angeschlossene Atemmaske auf. Dann legte er ihr einen – Mediziner dürfen mich gern berichtigen – peripheren Venenkatheter und bekam eine Infusion verabreicht. Es folgten mehrere Spritzen.  Insgesamt wirkte es einigermaßen dramatisch auf mich, was wahrscheinlich vor allem daran lag, dass es mitten im Flugzeug geschah. Ich hatte großen Respekt vor den beiden Ärzten und fragte mich, was eigentlich passieren müsse, damit ein Zwischenstopp eingelegt werde, blieb mir aber eine Antwort schuldig.

Ich landete also ziemlich übermüdet in Recife, wo die Dame sofort von einem  wartenden Krankenwagen abgeholt wurde. Ich nahm ein Taxi zu meiner Pousada und wurde vom Fahrer eindringlich vor den Gefahren der Stadt gewarnt: Kriminalität und Haie. Im vergangenen Jahr starb in Recife eine junge Schwimmerin an den Folgen eines Hai-Bisses, der riesige Strand ist voller Schilder, die vor Hai-Attacken warnen. Da ich ohnehin keine Zeit habe, ins Meer zu springen und es hier die ganze Zeit ziemlich heftig regnet, konnte ich die Hai-Warnungen recht locker nehmen und mich auf die Straßenkriminalität konzentrieren. Das kam mir ganz gelegen, da ich große Angst vor Haien habe, seitdem ich als kleines Kind bei einem damaligen Kumpel den – naja – Horrorfilm der weiße Hai gesehen habe. Natürlich weiß ich, dass der Streifen nicht gerade der realistischste Film aller Zeiten ist und auch nicht unbedingt mit Special-Effekten-glänzt, aber ich war noch sehr jung und irgendwie haben sich die Bilder wohl tief in meinem Kopf verankert. Auf jeden Fall bekomme ich selbst in Südfrankreich schnell ein unwohles Gefühl, wenn ich mal ein paar Meter ins Meer hinaus schwimme.

Mich hat es aufgrund meiner Wasser-Sorgen deshalb selbst umso mehr überrascht, als ich vor eineinhalb Jahren bei einer meiner Südamerika-Reisen im bolivianischen Amazonas den Mut hatte, in einem schwarzen und von Alligatoren bewohnten Fluss zu baden. Wir wohnten in einer kleinen Hütte, von der aus man nachts mit der Taschenlampe unzählige Alligator-Augen sehen konnte. Am zweiten Tag stiegen wir in unsere schmalen Boote, um mit rosa Süßwasser-Delfinen zu schwimmen. Ich erwartete eine Fahrt in ein abgelegenes Gebiet, doch 15 Minuten und zwei Alligatoren später sagte unser Reiseleiter: Viel Spaß, hier könnt ihr schwimmen, hier passiert nichts. Als ich das Ganze noch für einen gar nicht mal so schlechten Scherz hielt, sprangen drei Engländer schon ins Wasser. Es war schwarz. Man konnte nicht hineinsehen. Ab und zu tauchten wirklich rosa Delfine auf, allerdings wirkten sie in dem trüben Gewässer wenig Flipper-haft. Ich sprang trotzdem hinein. Abenteuer. Was soll‘s. Was ich nicht bedacht hatte war, dass der Fluss einen unglaublich hohen Wasserstand hatte und viele Bäume komplett verschwunden waren. So stieß ich immer wieder mit den Beinen an irgendwelche im schwarzen Wasser unsichtbaren Äste und erlebte in Gedanken an die eben noch gesehenen Alligatoren einige kleine Herzattacken. Naja, alles gut gegangen, auch wenn meine Eltern von der Geschichte irgendwie nicht so begeistert waren, wie ich es erwartet hatte.  Vor 9000 Meter entfernten Haien hab ich trotzdem noch Angst, auch wenn – und schon bin ich aus Bolivien wieder zurück in Brasilien – die Straßenkriminalität die größere Gefahr Recifes ist. Überall wird man gewarnt, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße zu gehen und nur offizielle Taxi-Unternehmen zu benutzen. Die erzählen dann, man solle auch bestimmte Hauptstraßen nicht nutzen, da dort immer wieder Autos gestoppt und überfallen werden. Ich hielt die Warnungen für etwas übertrieben, bekam dann aber via Wikipedia folgende Information: 2005 hatte Recife mit 95,8 Morden pro 100.000 Einwohnern die höchste Mordrate des Landes. Die Mordrate ist doppelt so hoch wie die  von Rio de Janeiro. Es heißt sogar: „In Coque, einem Slum von Recife, töten Kinder nur, um einen guten Platz zum Überfall auf Autofahrer zu verteidigen.“

Vielleicht gehe ich doch besser Schwimmen, als gleich zum Stadion zu fahren.

Tag 19: Luisa y Andres

Mir fallen beim Schreiben die Augen zu. Ich sitze – mal wieder – am Flughafen von Sao Paulo. Eigentlich liege ich eher, so weit bin ich die Sitzbank eines Fast-Food-Restaurants schon hinuntergerutscht. Es ist 00.19 Uhr brasilianischer Zeit, fünf Stunden später als in Deutschland. Ich bin auf dem Weg nach Recife, wo am Donnerstag Deutschland gegen die USA spielt. Doch von Klinsi, Berti und Jogi bin ich gerade ziemlich weit weg. Und das nicht nur räumlich.

Rund vier Stunden warte ich seit meiner Ankunft aus Porto Seguro schon am Flughafen. Drei weitere fehlen noch, bis der Flieger endlich abhebt und ich ein wenig schlafen kann, bevor es am Mittag zur Pressekonferenz und zum Abschlusstraining der Nationalmannschaft geht.

Zwar bin ich gerade ziemlich müde und könnte mir gemütlichere Orte vorstellen, die Nacht zu verbringen, die Situation könnte aber natürlich wie eigentlich immer im Leben auch wesentlich schlimmer sein. So wie die Lage von Luisa und Andres zum Beispiel. Die beiden hocken neben mir – dabei wollten sie eigentlich längst im Flieger zurück in ihre Heimatstadt Caracas sitzen. Der Tag behielt aber einige Überraschungen für sie bereit: Zunächst verlor Andres in Sao Paulo  seinen Geldbeutel. Beim hektischen Sperren der Kreditkarten per Telefonverbindung nach Venezuela vergaßen beide die Zeit ein wenig. Irgendwann bemerkten sie, dass es knapp werden könnte mit ihrem Flug. Sie liefen zu ihrem Hotel, fuhren mit dem Bus zum Flughafen – und standen im Stau. Geld weg, Kreditkarten weg, Flieger weg. Und spätestens auch der letzte Rest der guten Laune weg, als sie erfuhren, dass es die nächsten freien Plätze nach Venezuela erst in drei Tagen gibt. Ein verlängerter Urlaub ist ja grundsätzlich etwas Schönes. Andres und Luisa  hätten aber gern auf den Brasilien-Zuschlag verzichtet.

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Dafür, dass sie schon fast einen Tag mit all den Koffern am Flughafen verbracht haben und vor allem noch 48 Stunden vor sich haben, sind beide noch recht entspannt. Ihre Arbeitgeber haben sie beruhigt, es droht kein Schaden durch die verpassten Arbeitstage. Lucia nennt Andres auch wieder „Mi Amor“, der Verlust des Geldbeutels ist verziehen.

Ich habe das Pärchen in der Fußball-Lounge im Flughafen kennengelernt, als ich mir die Highlights der Spiele anschaute. Griechenland spielt hier ein episches Turnier, mit einem Torverhältnis von 2:4 weiterzukommen ist mindestens fantastisch. Das musste einmal gesagt werden.

Jedenfalls unterhielt ich mich mit den beiden über Venezuela, einem wunderschönen Land voller Probleme, dem ich spätestens seit meinem Urlaub im Vorjahr emotional sehr verbunden bin. Ich war sehr froh, nicht sieben Stunden allein am Flughafen zu sitzen und lud die zwei Flughafen-Gefangenen zum Essen ein. Immerhin verbleiben ihnen bis zum Abflug nur noch umgerechnet rund 30 Euro. Nicht viel für zwei Personen an einem teuren Flughafen. Vielleicht haben sie Glück, und können als Stand-by-Passagiere noch einen früheren Flug bekommen. Bis dahin hält Andres Nachtwache und behält die vielen Koffer im Blick, wenn Luisa schläft.

Wenn ich mir vorstelle, dass beide noch immer hier sein werden, wenn ich am Donnerstag im Stadion das Spiel Deutschland gegen die USA schaue, tun mir beide wirklich leid.

Zumindest, so sind sich beide sicher, haben sie eine Anekdote hinzugewonnen. „In ein paar Jahren können wir darüber lachen“, scherzt Andres. „Ja –  in ein paar Jahren“, erwidert Luisa. Lacht dann aber doch.

Bad decisions make good Stories.

Und Südamerikaner sind gute Vorbilder im Umgang mit Stresssituationen.

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Tag 18: King of Mexico

Die WM hat einen neuen Helden. Nicht Neymar, das Gürteltiermaskottchen oder Sepp Blatter. Es ist „die Laus“: Miguel Herrera, Mexikanischer Nationaltrainer, 1,68 Meter pures Dynamit. Statt „die Laus“ hätte man Herrera „den Vulkan“ oder einfach „den Doug“ nennen sollen. Mit seiner massigen Statur und dem halslosen Übergang zwischen Oberkörper und Kopf sieht er aus, wie eine mexikanische Version des „King-of-Queens“-Stars Doug Heffernan. Der wiederum aussieht, wie sein Serien-Cousin, der KSC-Trainer Markus Kauczinski verblüffend ähnelt. Den Foto-Beweis gibt’s bei Google. Wobei natürlich keiner seiner Zwillinge mit einem solch edlen Haupthaar gesegnet ist.

Herrera ist aber natürlich nicht mein persönlicher WM-Star, weil er die Latino-Version eines deutschen Zweitliga-Trainers ist.  Der Mexikaner jubelt über Tore, als gäbe es kein Morgen mehr. Zwar ist die WM ein unfassbares Ereignis für alle Fußballer, aber wie hat sich Herrera bloß bei seiner Hochzeit oder – wenn er welche hat – bei der Geburt seiner Kinder gefreut?

Nach dem 2:0 hat er ein Gesichtstheater aufgeführt was vielfältiger, mitreißender und faszinierender war, als jedes Spiel dieser WM. Als sein Gesicht wieder menschliche Züge angenommen hatte, wurde er American-Football-mäßig von seinem Spieler Paul Aguilar ‚gesackt‘ – also getackelt –  und über den Rasen gerollt. Ich würde gern mal sehen, wie Lukas Podolski im Jubelrausch Joachim Löw abräumt und mit ihm über den Rasen rollt. Wohl nicht bloß Outfit-technisch unvorstellbar für den Bundestrainer.

Leider wird es nicht mehr viele Jubelbilder von Herrera geben, da es seit 1994 ein geheimes Fifa-Gesetz gibt, wonach Mexiko bei jeder Weltmeisterschaft im Achtelfinale ausscheiden muss. Auch hier: Den Beweis gibt’s bei Google. Das ist schade, ich hätte gern weitere Torjubel der Mannschaft gesehen: Herrera wird von den Spielern in die Zuschauer geworfen; Herrera schießt vor lauter Glückseligkeit wie eine Rakete in die Luft; Herrera reißt sich den zu großen Anzug vom Leib und entblößt sein Superman-Kostüm.

Durch seine Vorfahren muss einst die Floskel „vor Freude platzen“ entstanden sein. Ich traue es ihm zu, es besorgt mich auch ein wenig.

Noch  größer ist aber die Sorge vor dem Achtelfinal-Aus der Mexikaner, obwohl es ja schon fest steht. Wie sehr muss ein Mensch wohl leiden können, der zu solchen Jubelausbrüchen fähig ist?

Die Fifa sollte die internen Regeln brechen, und Mexiko auch einmal ins Viertelfinale lassen.

Außerdem sind Herreras Gesichter noch spektakulärer, als Robbens Tore.

Tag 17: Frodo! Oder auch nicht..

Zurück in Santo André. Ich habe die nächtliche Rückreise gut überstanden, auch wenn ich nur drei Stunden geschlafen habe. Wenn ich hier in Brasilien zwischen Flughäfen und Fähren umherreise, muss ich manchmal an Frodo und Herr der Ringe denken. Nicht etwa, weil es hier so gefährlich ist, sondern aus Sorge um meine Fifa-Akkreditierung. Sie ist sozusagen mein Schatz. Das passt ganz gut, weil das Ding auch unentwegt um meinen Hals baumelt. Aus gutem Grund: Viele erfahrenere Kollegen – um das Wort ältere zu vermeiden – haben mich vor dem Turnier eindringlich gewarnt: „Du darfst alles verlieren. Deinen Laptop, dein Handy, Klamotten. Aber verliere niemals, und wirklich niemals, deine Fifa-Akkreditierung.“

Bislang ist alles gut gegangen. Wobei ich gerade befürchte, darüber zu schreiben, könnte sich negativ darauf auswirken. Schon nach zwei Wochen Paranoid. Ich sag’s ja: Herr der Ringe, beziehungsweise Herr der Akkreditierung.

Dabei finde ich es eigentlich ziemlich unangenehm, in einem Land, das von der Fifa in eine tiefe Krise gestürzt wurde, unentwegt mit dem Fifa-Logo herumzulaufen.  Ich habe auch manchmal das Gefühl, deshalb ein paar böse Blicke auf mich zu ziehen. Und nochmal: Das Ding macht Paranoid.

Aber es öffnet mir eben auch die Türen in die Stadien – und ich bin nunmal zum Arbeiten hier – , die für die meisten Menschen leider für immer verschlossen bleiben werden. Oder, das ist der andere Fall, niemals besichtigt werden wollen. In Fortaleza beispielsweise gibt es einen Zweit- und einen Drittligisten. Kein Mensch braucht die Arena dort, da ein großes Stadion ohne Zuschauer niemals stimmungsvoller ist, als ein kleiner Hexenkessel. 1860 München kennt sich in der Thematik aus.

Naja, sollte ich die Akkreditierung bis zum Turnierende behalten, werde ich sie trotzdem nicht verbrennen. Es war ein großer Moment für mich, den Ausweis abzuholen. Seit diesem Augenblick war ich wirklich dabei, bei dieser Weltmeisterschaft.

Ein Ziel, ein Traum, lange Unvorstellbar, noch immer irgendwie surreal. Darum bin ich trotz des vielen Stresses, einigen Momenten nah an der Verzweiflung und des geringen Schlafvolumens  sehr glücklich, hier zu sein. Und voller Vorfreude, den Weg bis zum Finale nach Rio weiterzugehen.

Damit verabschiede ich mich auch schon wieder vom Frodo-Herr-der-Ringe-Vergleich. Er hinkt. Das Maracana mit Mordor zu vergleichen, ist purer Frevel.

Tag 16: Portugisien

Ein Mann in der Hotellobby schläft mit offenem Mund auf einem Hocker. Sein Strohhut ist auf den Boden gefallen, sein Caipirinha-Glas droht aus seiner auf die Beine gelegten Hand zu entgleiten. Neben ihm sitzt sein Kumpel und liest die Paarungen am Sonntag vor. Er versucht es zumindest, stockt immer wieder und bringt dann aber doch hervor: USA gegen Portugisien.

Ich bin zu müde, um mich länger mit den beiden zu befassen. Unterlassene Hilfeleistung? Schuldig! Aber Fortaleza hat mich am Samstag besiegt. Darum beruhigt es mich, dass andere Menschen noch ganz andere Zustände erreicht haben, als mit kalten Schauern kombinierte Müdigkeit. Es gibt eigentlich kaum etwas, das ich lieber mag als Sonne, Strand und Meer. Aber in Fortaleza war es mir am Samstag zu heiß.  Ich bin vor dem Spiel noch in der prallen Sonne um das Stadion herumgelaufen, auf dem Heimweg habe ich die Quittung dafür bekommen. Ich bin im Shuttle-Bus, der das Stadion mit der Promenade verbindet, eingeschlafen. Die Mischung aus akutem Schlafmangel, viel Arbeit und noch mehr Sonne hat mich unmittelbar nach dem Einsteigen in den dunklen Bus in einen beachtlich tiefen Sommerschlaf versetzt. Jedenfalls bin ich irgendwann aufgeschreckt und der Bus war leer. Wir tourten durch Fortaleza und ich redete mir ein, auf dem richtigen Weg zu sein. Da wir aber pausenlos abbogen, es dunkel war und ich nun schon anscheinend mehr als eine Stunde für den halbstündigen Heimweg benötigte, stand ich auf und ging nach vorn. Als ich den Fahrer ansprach, wären wir beinahe auf der Gegenfahrbahn gelandet. Er schaute mich an wie einen Außerirdischen, wie ich da auf einmal aus dem fahrenden Bus auftauchte. Nach einem kurzem Gespräch – wieder einmal war ich sehr glücklich, zumindest spanisch zu sprechen, hatten wir die Fakten sortiert: Ich hatte die Haltestelle verschlafen und nun warne wir auf dem Weg zum Busbahnhof. Auf meine schläfrige aber doch nervöse Anfrage, wie weit wir denn vom Hotel entfernt seien, da ich um 3.10 Uhr in der Nacht meinen Flieger bekommen müsse, lenkte er ein wahrsten Sinne des Wortes ein. Wir kurvten ein wenig durch Fortaleza, bis er mich an der Promenade absetzte.

Nun sitze ich hier- der Akku ist wieder halbwegs aufgeladen – lausche brasilianischer Volksmusik und schreibe. Es wird eine lange Nacht. Um 3.10 Uhr fliege ich nach – ach, nee – Sao Paulo. Von da aus nach   mehrstündiger Wartezeit nach Porto Seguro, wo ich meinen Leihwagen hoffentlich mit aufgepumpten Reifen vorwinden werde. Nach 35 Kilometern geht es dann auf die Fähre, bis ich um circa 16 Uhr brasilianischer Zeit  in Santo André ankommen werde.

Das wäre schön, denn dann spielt der nächste deutsche Gruppengegner USA. Gegen Portugisien.

Tag 15: Lärm ist schlimmer als Hitze

Ich sitze in der Frühstückshalle meines Hotels in Fortaleza und schaue den umherwuselnden Menschen zu. Viele Deutsche sind hier, schon früh morgens in DFB-Trikots gehüllt und merklich optimistisch. Vielleicht wären sie noch hoffnungsvoller, wenn sie – so wie ich – den gestrigen Abend an der Promenade hätten ausklingen lassen.

So gewann ich den Eindruck, dass es für die Ghanaer unmöglich sein konnte, sich ungestört auf das Spiel vorzubereiten und früh schlafen zu gehen. Die Promenade ist der Hotspot der Stadt und an einem Freitagabend ein Schmelztiegel jeglicher Geräusche. Touristen johlen und kreischen, Verkäufer preisen ihre Waren an, Polizeisirenen heulen auf und Autofahrer beschallen mit offenen Fenstern die Straße mit brasilianischem Funk. Und all das, fünf Meter von der Eingangstür des Teamhotels entfernt, die von einem Einsatzfahrzeug bewacht wird, dessen permanentes Blaulicht für das passende Dorfdisco-Ambiente sorgt.

Ein Mann, der das Hotel verließ und an den Nachbartisch setzte,  bestätigte mir mein Gefühl: Selbst im 18. Stock sei bei geschlossenen Fenstern nicht an Schlaf zu denken. Fast hätte man meinen können, der DFB hätte ein paar Bürger und noch mehr Mitglieder des Fanclubs Nationalmannschaft bewusst zu einer All-you-can-drink-Party eingeladen. 1:0, DFB.

Ich stellte mir vor, wie Ghanas Spieler vor dem Spiel ums sportliche Überleben – selbst Jogi Löw sprach martialisch von einem „Spiel bis aufs Blut“ – sich nach Schlaf sehnend im Bett Hin und Her wälzten, währen die DFB-Jungs in ihren Luxussuiten von Harvenspielern sanft in die Welt der Träume entsandt werden. Vielleicht haben sie aber auch bis tief in die Nacht an den Konsolen gezockt oder Kevin-Prince Boateng Telefonstreiche gespielt, man wird es so schnell nicht erfahren.

Beim Abschlusstraining am Nachmittag wirkte die Nationalelf aber sehr konzentriert. Allerdings ist der Rasen in Fortaleza sehr stumpf und sieht schon ein wenig verbrannt aus. Das Überrascht kaum, denn Fortaleza ist gefühlt die heißeste Stadt der Welt. Um die Mittagszeit brennt die Sonne, so dass man dem Sonnenbrand im Zeitraffermodus bei der Entstehung zusehen kann. Auch hier im Frühstücksraum sitzen einige Menschen mit ziemlich schmerzhaften Neon-Hauttönen.  Bei einigen offensichtlichen Selbsteincremern ist deutlich sichtbar, wo die Spannweite der Arme geendet hat. Lustige Körpergemälde sind das. Rot auf weiß, unterbrochen nur von grünen Tattoos.

Dabei kann man der Sonne keine Hinterlistigkeit vorwerfen. Wenn man die klimatisierten Lobbys oder Busse verlässt, schlägt einem die Hitze brutal entgegen. Es ist, als würde man durch einen Schwamm atmen, man japst erst einmal ein wenig. Ich habe das bislang erst einmal erlebt, als ich in Doha umsteigen musste und beim Verlassen des Flugzeugs aufgrund der plötzlichen Hitzewand fast von der Treppe gestürzt wäre.

Wäre das Spiel um 13 Uhr Ortszeit, wäre die Hitze wohl ein ziemlicher Faktor in diesem Spiel. Um 16 Uhr ist es nicht ganz so entscheidend, da beginnt schon fast der Sonnenuntergang. Die Nationalspieler müssen bloß aufpassen, nicht schon beim Warmlaufen in die Hitze-Falle zu rennen. Ghana ist kaum gefährdet. Wer nachts nicht schläft, hat am frühen Nachmittag auch noch keine Lust zu laufen.

Tag 14: Nummer 7 lebt.

Der siebte Flug meiner Reise stellte sich als bislang eindrucksvollster heraus. Ich hatte zuvor den üblichen Weg von Santo André nach Porto Seguro genommen, Fähre und Bremshügel hinter mir gelassen und war auf dem Weg ins nördlich gelegene Fortaleza erst einmal zwei Stunden ins südlich gelegene Sao Paulo geflogen. In Brasilien führt grundsätzlich jeder Flug erst einmal über Sao Paulo. Phänomenal. Ich glaube, man muss sogar in Sao Paulo umsteigen, wenn man vom jeweils anderen der beiden Flughäfen in Sao Paulo losfliegt. In der Mega-City kann es eigentlich keine Wohnung geben, die nicht inmitten einer Einflugschneise liegt. Zumal neben den Tausenden Flugzeugen ja auch noch Hunderte Hubschrauber durch den Himmel kreuzen, die Geschäftsleute zu Terminen fliegen, da sie Angst im Straßenverkehr haben, reich genug sind, sich die Staus zu ersparen oder einfach gern Hubschrauber fliegen. Es herrscht jedenfalls ein Durcheinander im Luftraum wie im Film „Das fünfte Element“, nur dass es noch keine fliegenden Autos gibt.

Ich betrat also von Norden kommend der Flieger in Richtung Norden und bestaunte meine Mitreisenden: Ich saß inmitten einer Gruppe Ghanaer, die ebenfalls zum Spiel nach Fortaleza flogen. Dahinter hockte glücklich, aber erschöpft eine Vielzahl Uruguayer, die in Landesfahnen gehüllt und geschminkt den Sieg gegen England gesehen hatten. Verstreut im Flieger waren auch einige betrunkene Engländer, ein das ganze Flugzeug unterhaltender Südafrikaner, und zwei Australier, die das Ausscheiden ihres Landes ohne Alkohol verarbeiteten und sich einfach auf das Spiel Deutschland gegen Ghana freuten.

Die afrikanische Delegation um mich herum war sehr zuversichtlich und siegessicher. Meine beiden Sitznachbarn erklärten mir, dass Deutschland schon beim letzten Sieg gegen Ghana doch sehr viel Glück gehabt habe und jetzt einfach fällig sei. Allerdings war ich ein wenig abgelenkt, da mich das Auftreten der Gruppe faszinierte. Jeder von ihnen trug ein schwarzes Sakko, eine schwarze Sonnenbrille und verschiedene Modelle goldener Uhren, die alle in etwa so groß waren wie der Boden eines Weißbierglases.

Wenn die ghanaischen Spieler der Nationalmannschaft genauso selbstbewusst entgegen treten, könnte es wirklich weitaus schwieriger werden als gegen Portugal.

Andererseits hat sie am Donnerstag mal wieder ihre Ausnahmestellung gezeigt, als sie von Porto Seguro nach Fortaleza geflogen ist. Direkt. Ohne Umwege. Ohne Stop in Sao Paulo.

Chapeau.