Tag 34: Nicht-Flug-Angst

T minus 1 bis zum Finale begann mit einer fantastischen Nachricht: Die Fifa bestätigte mir meine Akkreditierung für das Endspiel. Beseelt packte ich früh morgens meinen Koffer, um mich wenig später mit meinem ebenso fantastischen Kollegen Gegor Derichs auf den Weg zum Flughafen zu machen. Ein letztes Mal fuhren wir mit der Fähre, ein letztes Mal passierten wir die knapp 30 als Stoßstangenbrecher gefürchteten Bremshügel auf dem Weg nach Porto Seguro.

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Neben einem minimalen Anflug von Melancholie und der riesigen Vorfreude auf das Maracana empfand ich auch ein wenig Sehnsucht nach der Heimat. Ich freue mich sehr auf meine Familie, Freunde und Banalitäten des Alltags: Frisches Brot zum Beispiel, meine Couch. Oder auch darauf, einfach mal entspannt einen Film zu schauen. Aber – das ist ein ebenso simpler wie mich prägender Leitspruch – „there is a time for everything“. Also auch für die Rückkehr zu Gewohnheiten, zunächst steht aber der Wahnsinn des Weltfußballs an.

Wir kamen mit unserem zerbeulten Leihwagen recht früh in Porto Seguro an und entschieden uns, noch einen Kaffee zu trinken. Ich kaufte mir zudem noch ein zu meinem Sakko passendes T-Shirt für das große Finale, meine Kleidung ist durch die stetige Rumreiserei ganz schön in Mitleidenschaft gezogen worden und vor allem recht zerknittert.

Auf den vom Zentrum zum Flughafen verbleibenden Kilometern plauderten wir über den zurückgelegten Weg bei dieser WM. Gregor rechnete eine Distanz von 16 000 Kilometern aus – nur innerhalb Brasiliens. Da ich dazu neige, ab und an mal Dinge auf die leichte Schulter zu nehmen oder auch ganz gern mal eher Risiko behaftete Zeitpläne aufstelle, offenbarte ich Gregor meinen Stolz und meine Erleichterung darüber, all die schreib-fernen Anforderungen meiner ersten WM, trotz der teilweise schwierigen Umstände, erfüllt zu haben: Ich hatte keinen meiner mittlerweile 22 (!!!) Flieger verpasst, keine Anmeldefristen versäumt, keine Wertgegenstände verloren und selbst die Fifa-Akkreditierung baumelt noch immer um meinen Hals.

Als wir fünf Minuten später den Check-In-Schalter erreichten, bekam ich die Quittung für meine Selbstzufriedenheit – und akutes Herzrasen. Wir standen nicht auf der Passagierliste des Fliegers. Rio, das Maracana und das WM-Finale waren plötzlich ganz weit weg. Ich zitterte, als ich mich auf Spanisch mit der portugiesisch sprechenden Frau am Schalter verständigte. Ein paar hektische Anrufe später war klar: Das Reisebüro, über das Journalisten viele Inlandsflüge bevorzugt buchen, hatte unsere Buchung nicht bestätigt.

Bange Minuten. Weiche Knie. Unendliche Leere. Und vor allem der große Ärger, dass ich noch nicht einmal Schuld an dieser Situation war. Ich sah mich schon auf einem Roadtrip nach Rio im noch zurückzugebenden Leihwagen, als ich die Dame flehentlich bat, doch bitte nachzuschauen, ob nicht noch Platz sei im Flieger nach Belo Horizonte und im Anschlussflug nach Rio de Janeiro. Meine Hoffnungen waren begrenzt, schließlich wusste ich, dass ungefähr halb Südamerika einen Tag vor dem Finale nach Rio flog.

Nach 35 (und wieder: !!!) Minuten, in denen die Frau hektische Telefonate führte und mehrfach entgeistert auf ihren PC schaute, lächelte sie mich plötzlich an: Es gab zwei freie Plätze für beide Flieger, Abflug in 20 Minuten, zu einem günstigeren Preis, als zuvor erfolglos gebucht.

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Tag 33: Vandalismus zum Abschied

Nachdem am Donnerstag bereits eine kleine Abschiedsparty für nach Rio reisende Kollegen stattfand, hatte ich am Freitag meinen letzten Arbeitstag in Santo André. Als ich meine Arbeit beendet und den letzten Artikel aus dem deutschen Camp in die Redaktion geschickt hatte, stieg ein erhabenes Gefühl in mir empor. Nach fünf Wochen des täglichen Kampfs gegen die Uhr hatte ich es geschafft, der Weg nach Rio ins Maracana war geschafft, der Stress für einen Tag unterbrochen. Um den Redaktionsschluss zu schaffen, hatte ich in Brasilien ja bislang trotz des fünfstündigen Zeitunterschieds ja meist nach der deutschen Uhr gelebt. Das bedeutete, dass ich meine Tage um fünf Uhr begann und von da an gegen die immer schneller werdende Zeit anschrieb. Da es schwer ist, jeden Tag um acht Uhr schlafen zu gehen, führt der Arbeitsrhythmus zu einem nicht zu unterschätzenden Schlaf-Defizit, das mich und meine Kollegen immer mal wieder ziemlich umgeworfen hat.

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Am Freitag aber endete dieser Teil der WM für mich. Ich fuhr glücklich, beschwingt und einfach unglaublich froh mit dem Fahrrad vom Pressezentrum in die Pousada, packte mir meine Badeklamotten, um erstmals zu einem etwas abgelegenen Strand zu fahren, von dem mir Kollegen schon erzählt hatten. Als ich mit Carlos, dem Wirt unserer Pousada, losfahren wollte, machten wir eine überraschende Entdeckung. Unser Auto war Opfer eines fiesen Anschlags geworden. Vielleicht aufgrund des deutschen Sieges gegen Brasilien war in der Nacht jemand auf dem Auto herumgeklettert – und hatte Dach und Motorhaube offensichtlich als Trampolin benutzt. Auf jeden Fall zierten sandige Fußabdrücke und tiefe Beulen unseren Leihwagen.

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Carlos und ich versuchten bestmöglich, mal mit Fingerspitzengefühl und mal mit roher Gewalt, die Dellen auszubeulen, was uns halbwegs gelang. Allerdings kam uns die Innenbeleuchtung entgegen, als wir von innen gegen das Dach schlugen. Naja, wir „reparierten“ alles, so gut es ging und machten uns auf zum etwa zehn Kilometer entfernten Strand.

Es war ein wundersamer Ort und der perfekte Abschluss einer außergewöhnlichen Reise, bevor es am Samstag wieder zum Startpunkt Rio zurückgehen sollte. Einige Kollegen warteten schon und genossen das Panorama: Ein Fluss mündete ins immer wieder über den Strand in einen kleinen See schwappende Meer, dichte Palmen ragten über den Sand und sorgten für eine urige Atmosphäre. Ich schlenderte den Strand entlang und versuchte, das bislang Erlebte Revue passieren zu lassen. Es waren Momente, die mir sehr lange in Erinnerung bleiben werden. Es fiel unheimlich viel von dem Druck ab, der so ein Turnier mit sich bringt. Irgendwann ließ ich mich auf eine Liege fallen, trank ein Bier und genoss einfach den Augenblick. Eine Handlung, die zuletzt aufgrund der doch schon ziemlich irreal hohen Taktung von unvergesslichen Ereignissen doch sehr kurz kam.

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Ich sammelte viel Kraft an diesem Nachmittag, die ich brauchen werde: Das größte Ereignis meiner beruflichen Laufbahn rückt näher. Die Zeit tickt, dieses Mal aber für mich:
Das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft im Maracana steht kurz bevor.

Tag 32: Mehr. Geht. Nicht.

Nach einer fast schlaflosen Nacht, in der ich versucht hatte in Worte zu fassen, was eigentlich unbeschreiblich war, kehrte ich nach Porto Seguro zurück, wo ich am Flughafen den letzten Artikel des Tages in die Redaktion schickte. Der tägliche Kampf gegen den Redaktionsschluss der ersten Ausgabe – der immerhin bereits um 14 Uhr Ortszeit erfolgt und mir somit eine mittlerweile fünf-wöchige Nachtschicht beschert – war geglückt.

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Ich nahm die guten Wüsche der Flugzeug-Crew für das Endspiel entgegen und machte mich im Leihwagen auf den Weg nach Santo André, um mir in Ruhe das zweite Halbfinale anzuschauen. Da ich viele Monate in Argentinien verbracht habe und noch immer die melodisch wunderschönen und mit Herzblut vorgetragenen Fan-Gesänge im Ohr habe, konnte ich ganz gut mit dem Ausgang der Partie leben, auch wenn mir die Holländer ein wenig Leid taten. Zumal ich habe einige Holland-Fans in meinem engen Bekanntenkreis und in Salvador ein paar lustige Niederländer getroffen, die mich noch immer täglich mit den neuesten Louis-van-Gaal-Bildkreationen aus dem Netz versorgen. Gedanken an  den Elfmeter-Provokateur Krul  minderten das Mitgefühl aber wieder ein wenig.

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Da ich bereits das historische Halbfinale gegen Brasilien erleben durfte und nun – falls das Schicksal nicht eingreift – mein persönliches Wunsch-Finale zwischen Deutschland und Argentinien sehen werde, erschrak ich allerdings kurz, ob der vielen positiven Wendungen der letzten Wochen. Irgendwann gleicht sich im Leben ja immer alles aus, ich befürchtete einen hohen Preis für meine außergewöhnlichen Wochen in Brasilien.

Ziemlich schnell wandelte sich meine Gefühlslage aber in pure Vorfreude auf den wohl wichtigsten und ereignisreichsten Arbeitstag meines Lebens: WM-Finale. Deutschland gegen Argentinien. Maracana. Mehr. Geht. Nicht.

Vor einiger Zeit hatte ich ja  schon einmal über die WM-Ziele Brasiliens geschrieben: 2. Weltmeister werden. 1: Argentinien darf nicht Weltmeister werden. Aufgrund dessen bin ich mir ziemlich sicher, das akustisch imposanteste WM-Finale aller Zeiten sehen zu werden. Das Maracana wird eine Open-Air-Oper, die massenhaft anreisenden Argentinier werden das Stadion mit wunderschönen Liedern beschallen, der seit Mittwoch brasilianisch dominierte  Fan-Club-Nationalmannschaft seinen stimmungsvollen Höhepunkt erreichen. Ein Festival der Emotionen, an dessen Ende der WM-Pokal übergeben wird.

Vielleicht wird es danach den Fußball-Weltmeister Lukas Podolski geben. Und den Fußball-Weltmeister Benedikt Höwedes. Und den Fußball-Weltmeister Shkodran Mustafi.

Brasilien könnte damit sehr gut leben. Nur einen Fußball-Weltmeister Lionel Messi würden die Gastgeber Deutschland nie verzeihen.

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Tag 31: Belo Solbakken

Die Nacht, in der Brasilien weinte, ließ sogar Legenden paralysiert zurück.  „So etwas habe ich noch nie gesehen, so etwas hat es nicht gegeben“, sagte Hartmut Scherzer. Er muss es wissen, er hat seit 1958 von jeder Fußball-Weltmeisterschaft berichtete, hat also mehr WM-Spiele gesehen, als jeder andere Deutsche und sein erstes, 25 Jahre vor meiner Geburt. Kein schlechter Zeitzeuge also.

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In der Mixed Zone erzählte Mats Hummels später, er habe  zwischendurch befürchtet, in einem schönen Traum zu sein. Ich hatte eher das Gefühl, von einer Zeitmaschine in die Ära Solbakken meets 1. FC Köln geschickt worden zu sein. Systemausfälle wie den der Brasilianer hatte ich in dieser Zeit fast wöchentlich erlebt, allerdings fand der ewig scherzende Norweger das Ganze lustiger als die Brasilianer um mich herum und vor allem Nationaltrainer Scolari, der vom schlimmsten und peinlichsten Moment seiner Karriere sprach.

Er hatte Recht damit. Vor allem das völlig überzogene Neymar-Gejammer war völlig daneben. In ganz Brasilien ging es nach dem Viertelfinale nur um den Superstar, Fernsehen und Zeitungen berichteten in der Endlos-Schleife: Neymar winkt aus dem Heli, Neymar grüßt per verheulter Video-Botschaft, Neymar isst einen Apfel.

Als die Spieler der Selecao dann auch noch mit Neymar-Grußkappen das Stadion betraten und während der eindrucksvoll gesungenen Nationalhymne ein Trikot mit der Nummer 10 hochhielten,  war schnell klar: Wer ewig zurückblickt, kommt nicht nach vorn.

Dass Deutschland nach 29 Minuten 5:0 führte war natürlich dennoch nicht abzusehen, aber für mich persönlich ganz okay. Ich merkte trotz der Irrealität und der Sollbakken-Sorge schon recht früh, dass ich hier gerade Historisches erlebte. Allerdings hielten sich meine Bekannten in Deutschland erst einmal mit Glückwünschen zurück, tiefe Sorge dominierte den Nachrichtenfluss: Mails wie „Pass gut auf dich auf“, „Mach, dass du da Heil rauskommst“ und „Ich hoffe, du überstehst das Alles unverletzt“ erreichten mich. Tatsächlich gab es einige Momente, in denen das Stadion zu brodeln begann. Man konnte sich ja auch nicht vorstellen, was nach dem Abpfiff im Stadion und drum herum passieren  würde, weil es so etwas noch nie gegeben hatte. Außer beim Solbakken-FC vielleicht, aber diese Zeit stand fantechnisch nicht unbedingt für den Weltfrieden.

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In Belo Horizonte blieb aber alles ruhig, die Brasilianer zogen sich traumatisiert in Häuser und Bars zurück. Nur in Sao Paulo brannten acht Reisebusse aus. Ich war ehrlich gesagt dennoch recht froh, dass das Spiel im friedlichen Belo Horizonte stattgefunden hatte und nicht in Salvador, Rio de Janeiro oder eben Sao Paulo.

Dass es nun aber zurück nach Rio geht, ins Maracana, zum WM-Finale, ist fantastisch und noch immer kaum zu realisieren. Noch weniger, als das 7:1 von Belo Horizonte.

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Tag 30: Die nächste Ebene

Mit der Ankunft in Belo Horizonte erreichte meine erste WM eine neue Ebene. Ich realisierte langsam, dass ich zum am nächsten Tag das Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien im Stadion erleben, und damit eine der beiden Mannschaften im Endspiel von Maracana wiedersehen werde. In Belo Horizonte, einer einigermaßen europäisch wirkenden und wunderbar hügeligen Stadt, dreht sich alles um das Halbfinale. Aufgrund des Massenandrangs wurden am Dienstag die meisten Bürger in den Zwangsurlaub geschickt: Der Berufsverkehr hätte im Zusammenspiel für einen kompletten Stillstand im Zentrum gesorgt. Es gibt keine Zeitung, deren Titelseite nicht mit Brasiliens neuer Hoffnung David Luiz bedruckt ist, das vorgezogene Finale hält die Stadt in Atem.

Ich benötigte einige Stunden, um von Flughafen in mein Hotel zu kommen. Das war nicht weiter schlimm, da ich aus dem Autofenster interessante Einblicke in die Stadt bekam, die von den Küsten-Brasilianern aufgrund der Strand- und Meerlosigkeit etwas belächelt wird. In Belo Horizonte, dem schönen Horizont – kümmert das die Leute nicht, sie beziehen ihr Selbstvertrauen aus einem, sich selbst verliehenen Titel: Brasiliens Hauptstadt der Bars.

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Es bleibt abzuwarten, ob die Kneipen nach dem Spiel von den Brasilianern zum Frusttrinken oder für Jubelfeiern genutzt werden. Ich kann mir jedenfalls noch nicht vorstellen, wie im Gastgeberland auf ein Ausscheiden reagiert werden würde. Der Zusammenhalt ist nach Neymars Verletzung enorm, selbst WM-kritische Bekannte von mir haben sich mittlerweile vollständig auf die WM eingelassen und zittern vor dem Spiel gegen Deutschland.

Das DFB-Team gilt dabei aber keinesfalls als Feind, ich glaube sogar, dass viele Brasilianer im Falle einer Niederlage dennoch der deutschen Mannschaft den Titel wünschen würden. Allein Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger haben durch ihre Trikot-Posts und Sympathiebekundungen für Brasilien auf ihren Facebook-Seiten eine unglaubliche Beliebtheit im Gastgeberland erobert – auch wenn hier niemand die Namen der beiden auch nur ansatzweise aussprechen könnte.

Zudem plagt viele Brasilianer glaube ich ein schlechtes Gewissen nach all der Häme, mit der sie deutsche Mannschaften früher aufgrund der Holzfüßigkeit und dem Hang zum Foulspiel bedacht haben. Mittlerweile, angesichts des Schönspielermangels, hat man sich hier mit dem Ultimate-Fighting-Fußball ganz gut arrangiert und blickt ein wenig neidisch auf die deutschen Ästheten.
Mein Taxifahrer meinte sogar zu mir, er würde sich schämen, Deutschland mit diesem Fußball aus dem Turnier zu werfen.

Ich bin mir aber recht sicher, dass er seine Meinung nach dem Finaleinzug doch noch einmal überdenken würde.

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Tag 29: Rolf

Es hatte zwar drei Wochen gedauert, aber am Samstag habe ich mich doch noch mit Rolf getroffen. Rolf kommt aus Köln, arbeitet für den WDR im Camp der deutschen Nationalmannschaft und hat mit mir gelegentlich auf der Jahnwiese gekickt. Der Hauptgrund für unsere lange geplante Verabredung war aber das FC-Blog-Buch meines Kollegen Christian Löer, das er mir für Rolf mitgegeben hatte, da es bei Rolfs Abreise aus Köln noch nicht erschienen war.

Rolf ist ohne Zweifel als FC-Fan zu bezeichnen, nicht zuletzt, da er an einem Container im deutschen Pressehotel die wohl größte FC-Fahne außerhalb Europas angebracht hat und so vor zwei Wochen eine beachtliche mediale Präsenz erreichte und auf der Facebook-Seite von Lukas Podolski fast 25 000 Likes erntete. So war Rolf sehr glücklich, als ich ihm endlich ein bisschen Heimatlektüre vorbeibrachte. Wir erzählten ein bisschen, als Rolf einfiel, dass am Abend wohl Fußball gespielt werde. Wo, wann und mit wem stand zwar noch nicht fest, aber ein paar Techniker, Cutter und sonstige Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hatten sich mit ein paar Einheimischen lose verabredet. Irgendwann, irgendwo, irgendwie.

Ich sagte zu, und am Abend stand Rolf plötzlich abfahrbereit vor meiner Pousada. Uhrzeit, Platz und Teams waren noch immer unklar, aber in zwei Autos fuhren wir zur Fähre, setzten über und ließen uns überraschen. Auf der anderen Seite wurden wir abgeholt und zum Platz begleitet: Durch dunkle Straßen ging es hinauf in ein Dorf, in dem jedes zweite Haus eine Kirche unterschiedlichster Ausprägung zu sein schien. Nach wenigen Minuten erreichten wir aber den Sportplatz, ich war beeindruckt: Inmitten einer kleinen Arena mit winzigen Tribünen lag ein Sandplatz vor mir, auf dem sich einige Brasilianer schon einmal warmschossen.

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Es wurden gemischte Mannschaften gewählt, dann ging es los: Ohne Schuhe, aber mit großem Spaß. Da Rolf in der Abwehr eine Mischung aus Matthias Sammer und Jürgen Kohler ist, ich einen meiner besseren Tage im Angriff erlebte und wir – vor allem – den spektakulärsten brasilianischen Fußballer nach Neymar in unserer Mannschaft hatten, feierten wir einen fulminanten Sieg. Der einsetzende und das Spielfeld glättende Regen hatte uns dabei eher nicht geschadet.

Auf dem Rückweg bot mir Rolf an, mich in der Nacht zum Flughafen nach Porto Seguro zu fahren. Mein Mietwagen hatte wenig Sprit, daran änderte auch die 1,5 Liter Flasche Benzin nichts, die ich mir am Straßenrand noch besorgt hatte.
Ohnehin hatte ich eine heikle Fahrt vor mir: Mein Flieger hob um 5.15 Uhr ab, die erste Fähre ging aber erst um vier Uhr in der Nacht. Ich nahm Rolfs Angebot dankend an und wir verabredeten uns für den nächtlichen Roadtrip ins 35 Kilometer entfernte Porto Seguro.

Es war ein großer Spaß, begleitet von einem hohen Puls. Die Fähre legte ein wenig zu spät ab, erst um 4.15 Uhr fuhren wir vom Anleger am anderen Ufer ab, um uns die von Bremshügel gepflasterte Strecke zum Flughafen zu stürzen. Zumindest hatten wir eine klare Aufteilung: Rolf gab Gas, ich versuchte die in Brasilien als „Stoßstangenbrecher“ bezeichneten Sprungschanzen frühzeitig zu erspähen.

Wir ergänzten uns gut: Um 4.45 Uhr erreichten wir den Flughafen. Ich checkte ein, passierte die Sicherheitskontrolle und spazierte sogleich – als einer der letzten Passagiere – durch in den Flieger. Dort hatte ich auf dem Weg nach Belo Horizonte Zeit, mich auf das vorzubereiten, was mich erwarten würde: Das Halbfinale Deutschland gegen Brasilien.

Ich bin Rolf sehr dankbar, dass ich den Flieger nicht verpasst hatte.

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Tag 28: Halbfinale!

Ich kann die Spiele der deutschen Mannschaft bei der WM erst genießen, wenn ich ungefähr zwei Stunden nach dem Abpfiff den letzten Artikel in die Redaktion geschickt habe, zuvor habe ich aufgrund der Andruckzeiten und des damit verbundenen Drucks einen ähnlichen Puls wie die Trainer. Also genieße ich die Spiele eigentlich überhaupt nicht – aber ich bin ja nun einmal auch zum Arbeiten hier.

Am Freitag konnte ich immerhin Teile des zweiten Spiels des Tages genießen. Mit zwei Kollegen hatte ich ein Taxi vom Stadion zur Fan-Meile an der Copacabana genommen. Der Fahrer verfuhr sich leider kurz, darum schafften wir es erst zur Halbzeitpause ins direkt am Fanfest gelegene Hotel der Kollegen. Der Ausblick aus dem 17. Stock war fantastisch, es sah mehr nach Woodstock als nach Weltmeisterschaft aus, Tausende Menschen hatten sich vor einer am Strand aufgebauten Großleinwand versammelt.

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Wir überlegten sogar kurz, uns das Spektakel von oben anzuschauen, entschieden uns dann aber doch für den Nahkampf. Für mich war es bisschen komplizierter als für meine Begleiter, da ich 90 Minuten nach dem erhofften regulären Spielende meinen Flieger nach Porto Seguro erwischen musste und all meine Sachen dabei hatte. Zumindest konnte ich meinen Koffer an der Rezeption abgeben. Doch das zeitliche und Wertsachen-bezogene Risiko sollte sich lohnen, es war eine unglaubliche Erfahrung, das brasilianische Viertelfinale in Rio am Strand zu schauen.

Auch wenn ich noch immer der Meinung bin, dass Brasilien in Sachen Emotionalität und Gesangsvielfalt Lichtjahre hinter Argentinien anzusiedeln ist. Die südlichen Rivalen verwandeln jedes Spiel in ein Konzert. Aber naja, auch so war es stimmungsvoll. Im Vergleich zum Gemetzel auf dem Rasen auch friedlich. Nach 80 Minuten lief ich aber ins Hotel, holte meinen Koffer und lief weiter bis zur nächsten Parallelstraße, um ein Taxi zu nehmen. Ich hatte Glück  und erwischte eins.

Schussphase auf einem Mini-Monitor

Im Auto – wo ich die Schlussphase auf einem Mini-Monitor sah, realisierte ich, welch großes Glück ich gehabt hatte: Menschenmassen strömten durch die Straßen, vereint in der Idee, die Copacabana per Taxi ins Zentrum zu verlassen, bevor der Ansturm Zehnzausender Feier-Fans den Verkehr lahmlegen würde. Ich schaute durch den Rückspiegel und fühlte mich ein wenig an unzählige Katarstrophenfilme erinnert, in denen die Hauptdarsteller grundsätzlich mit dem letzten Auto dem Fiasko entkommen.

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Ich erreichte den Flughafen pünktlich und hatte während des Fluges und hatte ein wenig zeit, über das Erlebte nachzudenken. Trotz des Stresses und der Schlaflosigkeit muss ich nach wie vor betonen, dass die WM in Brasilien eine eindrucksvolle Zeit für mich, die ich wohl erst in ein paar Monaten verarbeiten werde.  Dann werden mir auch solche Aktionen durch den Kopf gehen, wie auf dem Heimweg vom Flughafen zur Fähre: Ich fuhr 35 Minuten durch das absolute Nichts. Mal mit Straßenbeleuchtung, mal ohne, immer mit der festen Hoffnung, dass die Reifen ihre Luft behalten.

Obwohl ich die Strecke ganz gut kenne und mich tagsüber sehr sicher fühle, schienen mir die verlassenen Straßen zwischen kleineren Dörfern eher als schlechte Orte für eine Panne. Dass ich in der Dunkelheit einen Bremshügel übersehen und einigermaßen spektakulär abgehoben hatte, beruhigte mich nicht wirklich.

Als ich an der Fähre ankam, war ich trotzdem nicht unbedingt erleichtert:  Das nächste Boot fuhr erst in 90 Minuten. Ich stand allein mit all meinem Zeugs in einem kleinen Fischerdorf. Ich vertrieb mir die Zeit und beklemmende Gedanken mit einem Blick in die Zukunft: Sollte ich unbeschadet in meiner Pousada ankommen, werde ich das größte Fußballspiel meines Lebens erleben: Brasilien gegen Deutschland. Bei der WM. In Brasilien. Im Halbfinale. Ich kann es immer noch nicht so recht glauben.

Das ist aber nicht so schlimm, ich habe ja noch etwas Zeit. Genießen werde ich es ja ohnehin erst in Nachhinein.

Tag 27: Sorge vor Frankreich, Angst vor Argentinien

Am Dienstagabend saß ich mal wieder im Flieger. Es war der zehnte Inlandsflug seit meiner Ankunft in Brasilien. Wieder einmal stieg ich in Sao Paulo um, die Metropole ist definitiv die Stadt auf der Welt, in der am meisten Zeit verbracht habe, ohne einmal dort gewesen zu sein. Meine früheren Reisen miteinbezogen bin ich mittlerweile bereits zwölf Mal in Sao Paulo umgestiegen – ohne auch nur einmal im Zentrum gewesen zu sein. Bislang hat mich auch kein WM-Spiel nach Sao Paulo geführt. Schade eigentlich, Recife beispielsweise hätte ich gern eingetauscht.

In Rio angekommen, nahm ich mir ein Taxi am internationalen Flughafen. Ich kann nur jedem empfehlen, nicht die Festpreise an den Taxi-Buden zu bezahlen. Für meinen Weg bis zu meinem Hostel in Ipanema habe so ich weniger als den halben Preis bezahlt – Adrenalinkick inklusive. Mit dem Taxifahrer sprach ich über das Viertelfinale – das Brasilien elektrisiert. Freitag, der 4. Juli 2014 könnte einer der größten Tage der Fußballgeschichte werden. Rio wird zum Anstoß des Spiels Brasilien gegen Kolumbien eine Verschnaufpause einlegen. Stillgelegt von der Angst vor dem Aus, die den Brasilianern schon beim ersten Spiel des Tages zusetzen wird. Dort wird sich nach Ansicht vieler – auch meines Taxifahrers – die Titelchance des Gastgebers entscheiden.

Denn Brasilien hat wahnsinnige, historisch bedingte Angst vor Frankreich. So wird Deutschland zwar als viel stärker eingesetzt, dennoch als der einfachere Gegner wahrgenommen, da Frankreich für Brasilien schlichtweg als unschlagbar gilt. Zu viele Niederlagen setzte es bei den vergangenen Turnieren, als das der ohnehin emotional durchdrehenden brasilianischen Mannschaft ein Erfolg zugetraut würde. Frankreich ist Brasiliens Trauma, es ist das Deutschland Portugals. Oder das Deutschland Argentinien. Oder – leider auch das – das Italien Deutschlands. Auch die anderen Viertelfinals lassen die Brasilianer erzittern. Mit bangen Blicken wird der Weg Argentiniens verfolgt. Ein Sieg des ewigen Rivalen im Finale von Maracana würde eine hundertjährige Scham nach sich ziehen, zumal 1950 ja schon Uruguay in Brasilien triumphierte.

Die nächste hellblau-weiße Jubelfeier wäre für viele Brasilianer nicht zu ertragen, schon die Vorstellung sorgt für ein Schaudern. So definierte mein Taxifahrer die WM-Ziele Brasiliens neu: Auf Platz zwei steht der Titel, wichtiger ist aber, dass Argentinien nicht gewinnt. Jeder Spieler, der die argentinische Nationalmannschaft aus dem Turnier schießt, wird in Brasilien zum Nationalhelden für die Ewigkeit aufsteigen. Ein Finale zwischen beiden fußballerischen Supermächten im Maracana wäre der größte Showdown in der Geschichte des südamerikanischen Fußballs.

Hunderttausende, vorlaute und für alles bereite Argentinier würden in Bussen nach Rio pilgern. Schon in der Vorrunde hatte es hier Spannungen zwischen Brasilianern und Argentiniern gegeben. Als ich in Salvador das Spiel Bosnien gegen Argentinien sah, war ich trotz des Wissens um die große Rivalität wirklich überrascht, als die Brasilianer emotionale „Bosnia“-Gesänge anstimmten. Sie wirkten fast emotionaler auf mich als beim vorangegangenen Brasilien-Spiel.

Allerdings sind die Argentinier – die ich aus meiner Zeit in Buenos Aires ja ganz gut kenne und sehr schätze – auch Meister der Provokation. Selbst die Ernennung von Papst Franziskus wurde auf den Fußball übertragen und den Nachbarn hämisch präsentiert. So erschien wenige Tage später ein Lied, das in Argentinien schnell erfolgreich wurde und gerade ein Comeback auf den Fanmeilen feiert – mit freundlichem Gruß im Refrain: „Brasilianer, Brasilianer, wie bitter ist es zu sehen? Der Papst ist Argentinier, und berühmter als Pele“. Da die Rivalität hinter den Neckereien aber wirklich ganz schön aufgeheizt ist und ein Finalduell wohl schwere Ausschreitungen in Rio zur Folge hätte, sollten vielleicht doch lieber Deutschland und Holland ins Endspiel kommen.

Brasilien wäre glücklich, dass Argentiniens Triumpf verhindert wurde. Und im Maracana gäbe es ein von dem Klang orangener und weißer Kuhglocken untermaltes Spektakel. Auch der Sieger würde feststehen, denn bei Weltmeisterschaften sind Holländer für Deutschland ja ähnlich bedrohlich, wie Brasilianer für Franzosen.

Tag 26: Planierraupe

Die Rückreise aus Porto Alegre erwies sich wieder einmal als eher kompliziert. Wir kamen nachts am Flughafen in Porto Seguro an und – naja – rasten – zur Fähre, um das Boot um 3.30 Uhr zu bekommen. Wir erreichten den kleinen Anleger um 3.37 Uhr und mussten somit knapp eine Stunde warten, um mit dem Boot nach Santo André zu gelangen. Als ich in meiner Pousada ankam, war ich seit mittlerweile 24 Stunden wach. Ich schlief sofort ein, allerdings dauerte diese Periode etwas kürzer als der vorangegangene Trip.Nach drei Stunden saß ich aufrecht in meinem Bett. Etwas, das vom Lärmpegel mindestens ein Propeller-betriebener Flugmähdrescher sein musste, hatte mich geweckt.

Trotz mehrmaliger verzweifelter Versuche konnte ich nicht mehr einschlafen. Der stetige Wechsel zwischen unfassbarem Krach, Hoffnung auf ein Ende des Lärmterrors schürender Stille und neuerlichem Getöse hatte mich entnervt und besiegt. Ich ging nach unten, öffnete die Tür und sah ein riesiges Ungetüm, das sich als Planierfahrzeug herausstellen sollte und von einem lässigen Typ in Surfershorts und Unterhemd vor unserer Hütte vor- und zurückgefahren wurde.

Irgendjemand war auf die Idee gekommen, die Löcher in der Sandstraße aufzufüllen und den Weg danach mit einem Hochhaus-großen Ungetüm platt zu walzen. Eine honorige und sinnvolle Sache, die mich am frühen Dienstagmorgen allerdings verzweifeln ließ.

Ich machte mich also gleich wieder an die Arbeit. Während ich schrieb und die Lobeshymnen der Nationalspieler auf Manuel Neuer vom Band hörte, wurde mir klar, dass der Torhüter eigentlich ein geeigneter Ersatz für den verletzten Mustafi im neuen deutschen Lattenzaun ist: Er ist groß, bewiesenermaßen Zweikampfstark, vermutlich extrem Kopfballstark und – vielleicht ein weiteres wichtiges Argument – kein gelernter Außenverteidiger.

Als ich meine Arbeit beendet hatte, hielt der Tag eine freudige Überraschung für mich bereit. Ein Kollege hatte mit seinem Vermieter ein Fußballspiel verabredet. Ein paar andere Journalisten und ich trafen uns also am Nachmittag, um gegen ein paar Dorfbewohner anzutreten.Als wir den Platz erreichten, bestaunten wir aber erst einmal das Feld: Zwischen zwei großen Toren ohne Netze befand sich eine Mischung aus Sand und Gestrüpp. In der Mitte des schrägen und auch schräg angelegten Platzes stand ein Baum.

Die Fußballer störte das nicht, sie störte generell überhaupt nichts, es hätte kaum klischeehafter sein können: Der Ball war platt, manche spielten barfuß, andere mit Turnschuhen, weitere mit Fußballschuhen.Ein Brasilianer mit Luis-Gustavo-Schnurrbart rauchte einen Joint. Es war die unwirklichste Anlage, auf der ich jemals gespielt hatte – abgesehen von einem Match im bolivianischen Amazonas, bei dem das Feld zur Hälfte unter Wasser stand und ich – es stimmt wirklich – nach dem Spiel eine Baby-Tarantel aus meinem Gummistiefel goss.

Gefährliche Tiere gab es in Santo André nicht, die Scharen von Vögeln sorgten aber für eine standesgemäße Geräuschkulisse.Wir wurden in verschiedene Teams eingeteilt, die Regeln waren klar: Jedes Spiel ging sieben Minuten oder bis die erste Mannschaft zwei Tore erzielt hatte. Der Gewinner durfte weiterspielen.

Wir spielten nicht oft.

Tag 25: Porto Algerien

Das Achtelfinale gegen Algerien begann für mich schon zwölf Stunden früher. Mitten in der Nacht war ich mit dem Journalisten-Tross in Santo André aufgebrochen und per Charterflug nach nach Porto Alegre geflogen. Um 11 Uhr morgens landeten wir in der südlichsten Großstadt Brasiliens, wobei die rund 2000 Kilometer lange Reise kein klassischer Trip in den Süden war. In Porto Alegre ist sehr europäisch geprägt, vom Stadtzentrum über die Bewohner bis hin zu den Temperaturen. Und da es in Brasilien gerade Winter ist, war es kalt.Sehr kalt, bei der Ankunft zeigte das Thermometer 13 Grad an. Gepaart mit böigem Wind und Nieselregen fühlte ich mich der Heimat sehr nah.

Auch die Kollegen, wobei die gefühlte Heimatnähe nicht unbedingt Frohsinn und Glückseligkeit verursachte. „Toll, hier sieht‘s aus wie im Sommer in Hamburg“, sagte Einer. „Mensch, das ist ja Ungarn im Frühling“ ein Anderer. Ich erweiterte die Weltstädtigkeit Porto Alegres um Argentinien, meiner Meinung nach sieht Porto Alegre genauso hübsch verbaut aus wie Teile meiner Lieblingsstadt Buenos Aires. Nicht die schönsten Ecken, das sei ausdrücklich betont. Jedenfalls müssen es die Bewohner der 1,5-Millionen-Stadt als Hohn und Spott empfinden, wenn im Ausland Brasilien permanent mit Strand, Caipirinha und Samba-Schönheiten beworben wird.

Ich fühlte mich an das mich nervende Deutschland-Image erinnert: Lederhose, Lederhose, Lederhose. In diesem Moment hielt sich mein Mitgefühl für die Bürger Porto Alegres wieder in Grenzen. Ich würde einiges dafür geben, im Ausland mit von Palmen umgebenen Traumstränden in Zusammenhang gebracht zu werden, anstatt mit Schuhplattler tanzenden Trachtenfetischisten.

Porto Alegre wirkte aber deutlich weiter entfernt, als Köln von Bayern. So hatte ich es geschafft, durch einen einzigen Strandtag und mit einer um maximal zwei Nuancen verdunkelter Haut brauner zu sein, als nahezu jeder Einheimische, der mir auf dem Weg ins Stadion begegnete. Von der Stadt, die übersetzt fröhlicher Hafen heißt und mit der „höchsten Lebensqualität Lateinamerikas“ beworben wird, hatte ich mir doch etwas mehr versprochen.

Erst als ich mich langsam dem Stadion näherte, wurde es bunter und – doch noch – fröhlicher. Überraschend viele Algerier verwandelten die Stadt in Porto Algerien und boten den deutschen WM-Fans auch lautstark Paroli.Das war gar nicht so leicht, denn zahlreiche deutsche Auswanderer aus benachbarten deutsch geprägten Dörfern – davon gibt es im südlichen Brasilien sehr viele – hatten sich in riesigen Bus-Kolonnen nach Porto Alegre begeben, um das (frühere) Heimatland zu unterstützen. Als sie vor mir ausstiegen, bot sich ein verwirrendes Bild: Dutzende portugiesisch sprechende Männer in Lederhosen, Filzhüten und karierten Hemden versammelten sich in einem Halbkreis – und spielten Blasmusik, die sie mit deutschen Gesängen unterlegten.

Das Mitgefühl kehrte zurück, Porto Alegre hat es schwer getroffen.Die Stadt hat nichts brasilianisch-typisches abbekommen – dafür im Umland aber Horden von Klischee-Deutschen erhalten, die so nicht einmal mehr in Bayern existieren.

Noch größere Sorgen machte ich mir aber um die Algerier, die in einer brasilianischen Stadt mit ungarisch-hamburgerisch-argentinischem Flair erst auf Brasilianer trafen, die aussahen wie blasse Deutsche und danach auf Menschen, die aussahen wie typische Deutsche, aber als Hinterwäldler verkleidete Brasilianer waren.

Dann fiel mir ein, dass auch viele algerische Spieler in Wahrheit ja Franzosen sind. Ich war im Gedankengefängnis angelangt, es war Zeit für die Schlichtheit des Fußballs: Zwei Mannschaften, ein Ball, sechs Innenverteidiger.